Rote-Beete-Salat à la Gedankenwandler

Man nehme:

Eine Flasche roten Bergerac

Ein sehr scharfes Messer

Eine Rolle Verbandmull

11 Walnüsse und einen Nussknacker, Pfeffer, Meersalz, Salatkräuter, Walnussöl und Essig

Eine rote Zwiebel und einen roten Apfel

 

Koste zunächst den roten Bergerac. Nimm ein sehr scharfes Messer und schneide damit die Zwiebel in kleine Stückchen. Gönn Dir noch ein Schlückchen Bergerac. Schneide die Rote-Beete-Knolle mit dem sehr scharfen Messer in handliche Stücke. Verbinde Deinen blutenden Zeigefinger. Nimm ruhig einen ordentlichen Schluck Bergerac. Raspele die Knollenstücke mit Hilfe einer scharfkantigen Raspel. Vorsicht mit den Fingerrücken!!! Vorsicht: Spritzender Rote-Beete-Saft kann Kleidung verfärben. Nimm noch einen Schluck von dem Saft vergorener gut ausgebauter Bergeractrauben. Versuche den Apfel zu schälen und in dünne Scheiben zu schneiden und wirf die Scheiben in die Salatschüssel, die schon mit Essig, Walnussöl, Walnussstückchen und Zwiebelstückchen (nimm ruhig einen Schluck statt eines Schlückchens von dem herrlichen Bergerac) und den Gewürzen gefüllt ist. Füge eventuell noch einen Teelöffel Zucker und ein paar Spritzer MAGGI hinzu. Apropos Spritzer: Spritz- Hi Hi :spritz- Dir noch etwas Bergerac auf die Zunge. Misch das ganze – nein, nicht mit den Händen! – und versuche die Salatschüsselränder zu säubern. BRING DIE LEERE FLASCHE IN DEN KELLER, sing aber nicht so laut! Lass Ingrid den ganzen Vorgang vottogravieren…..

HABENT SUA FATA LIBELLI

Dieser Spruch stammt ursprünglich von dem antiken Dichter Terenz und wurde u. a. von Umberto Eco, James Joyce, Sigmund Freud , Ernst Jünger und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels jeweils in ihrem Sinne thematisiert. Terenz selbst meinte damit wohl, dass es von der Auffassungsgabe des jeweiligen Lesers abhängt, was er aus einem Buch herausliest oder in es hineinliest.

Für mich erhielt dieser Spruch einen neuen Sinn durch folgendes Erlebnis: Da fragte mich eines Tages Margret, die Witwe meines verstorbenen Freundes Walter Recker: „Gedankenwandler, kennst du den König von Grönland?“ „Will die Margret da mein Allgemeinwissen testen? Da falle ich nicht drauf herein“, dachte ich und entgegnete ihr: „ Das müsste aber doch der König von Dänemark sein. Nein, den kenne ich nicht. Ich kenne überhaupt keine Könige persönlich.“ „So habe ich das nicht gemeint. Ich meine den Roman von Dieter Kühn mit diesem Titel“. klärte mich Margret auf, „in diesem Buch  bedankt sich der Dieter im Nachwort bei den Nachfahren von Walter dafür, dass er Kriegserlebnisse von Walter habe verwerten dürfen.“ „Ach so, nein, den Roman kenne ich nicht.“ gab ich zur Antwort. Nun war alles klar: Walter Recker und sein Freund, der Maler Jupp Ernst, waren als Frontmaler in der Ukraine und in Russland auf abenteuerliche Weise unterwegs gewesen. Ich kannte beide gut und hatte sie oft von ihren Abenteuern erzählen gehört. Nach diesem Erlebnis habe ich mir das Buch noch am gleichen Tag gekauft und habe es dann gespannt gelesen. Überrascht war ich sofort darüber, dass ein großer Teil des Romans in dem Kölner Stadtviertel stattfand, in dem ich den größten Teil meiner Jugend verbracht habe. Viele Straßen, die Parks, die Schulen, einzelne auffällige Gebäude und die Gaststätten des Viertels  spielten darin eine große Rolle. Schließlich fand ich auch viele Erlebnisse meines Freundes Walter in der Geschichte wieder. Als mich kurze Zeit später Dieter Kühn besuchte, sagte ich ihm, dass ich seinen Roman gelesen hätte und das mir bei der Lektüre besonders gefallen habe, dass sich ein großer Teil seines Inhalts in meinem ehemaligen Wohnumfeld abgespielt habe. „Aber du hast den Roman doch hoffentlich nicht nur deshalb, sondern vor allem wegen seiner literarischen Qualität für gut befunden?“ sagte Dieter und hob dabei in seiner typischen Manier die rechte Augenbraue.

Es vergingen einige Jahre. Da kam ich eines Tages bei einer Geburtstagsfeier mit einem Herrn ins Gespräch, der neben dem Reckerschen Haus wohnte. Ich erzählte ihm mein Erlebnis mit dem König von Grönland und versprach, ihm das Buch in den nächsten Tagen vorbei zu bringen. Schon am nächsten Tag warf ich es ihm in den Briefkasten, da auf mein Schellen hin niemand öffnete. In der Folge war ich etwas enttäuscht, denn ich erhielt von dem neuen Bekannten kein Dankeschön und bekam auch das Buch nicht mehr von ihm zurück, so dass ich mir den Roman noch einmal kaufte.

Wieder vergingen einige Jahre. Der Bekannte war mittlerweile gestorben, da meldete sich einer meiner Söhne bei mir und teilte mit, er habe von einer Freundin ein Buch mit dem Titel „Der König von Grönland“ erhalten, in dem in meiner Handschrift mein Name stehe. Die Freundin habe das Buch bei einer Haushaltsauflösung erstanden. So kam das Buch wieder zu mir. Nun habe ich zwei Stück davon, und da ein Urenkel über die erste Seite des zweiten Exemplars Kakao vergossen hat, kann ich ich mit Recht sagen kann: „Habent sua fata libelli.“

WIDER DIE HEILIGE TRADITION DER MÄNNERHERRSCHAFT

In einem schönen Bild lässt die Dichterin Gertrud von le Fort in ihren Gedichtzyklus „Hymnen an die Kirche“ eben diese Kirche zwar sagen: „Ich habe noch Blumen aus der Wildnis im Arme, ich habe noch Tau in meinen Haaren aus Tälern der Menschheitsfrühe.“

Unter den Blumen, die von Le Fort nennt, scheinen jedoch auch Dornen, Disteln und Giftpflanzen zu sein. Eine dieser Giftpflanzen ist die Tradition der Lehre, dass Gott die Männer bevorzugt. So sind z.B. die Patriarchen, Könige und Hohen Priester der Bibel alles Männer, und im 10. Gebot des Dekalogs spricht Gott nur die Männer an und verbietet ihnen, nach des Nächsten Haus, Frau, Sklaven, Sklavin, Rind oder Esel, also nach des Nächsten Besitz zu trachten. Hier wird die Frau also nur als Objekt unter anderen Objekten aufgezählt.

Diese Tradition der Männerherrschaft wirkt in unseren Tagen nun tatsächlich wie eine schlimme Giftpflanze. Sie führt dazu, dass das Leben in vielen Pfarreien abstirbt, da ja nur zölibatäre Männer Pfarren leiten dürfen und dazu auch noch 50% der Menschen von der Leitung ausgeschlossen sind, da sie ja nur Frauen sind.

In der Ethik gibt es die Regel, dass man bei Konflikten die Hierarchie der Werte beachten muss. Hier wird das Prinzip, dass nur Männer in der Kirche herrschen dürfen,  höher bewertet als das Prinzip, dass das Leben in den überschaubaren Lebensgemeinschaften der Pfarreien erhalten bleiben muss.

Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf. Vielleicht werden demnächst ja sogar verheiratete Frauen Priester werden dürfen. Dann brauchten wir nicht mehr bei zentralen Eucharistie-Feiern wie in einem Omnibus anonym mit unbekannten Übernächsten unpersönlich zusammen zu sein, sondern könnten wieder mit den Nächsten aus dem sozialen Umfeld unserer Pfarre zusammen Eucharistie im Geiste Jesu feiern. Das forderte dann auch stärker Konsequenzen für unser alltägliches Verhalten dem Zeitungsmann, der Kassiererin, den Freunden und Freundinnen des Fußballvereins, den Kindern aus den verschiedenen Gruppen der Pfarre, den Chormitgliedern und allen anderen Nachbarn gegenüber.

 

WENN IHR MICH SUCHT – ICH BIN IM SÜDEN ZU ERREICHEN

Wieder einmal konnte ich den Frühling nicht abwarten. Wo gibt es im März schon Frühling? In Sizilien. Mit Rucksack und Gitarre wollte ich per Anhalter dorthin, wo der Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen seine Jugend verbracht hat.

Am ersten Tag, einem Freitag, schaffte ich es, bis nach Zürich zu kommen. Dort nahm ich Quartier in einer Jugendherberge. Nachts hatte ich einen Traum: Ich saß in Rom auf der Piazza di Campidoglio und hörte die Sonntagsglocken läuten. Da der Gotthardpass wegen Schnee gesperrt war, rechnete ich damit, dass ich frühestens in vier Tagen in Rom sein konnte. Träume sind Schäume.

Dankenswerter Weise nahm mich ein Fahrer in einem Autozug mit durch den Gotthardtunnel, so dass ich schon am Samstagabend Mailand erreichte. Bekanntermaßen ist es für Tramper immer schwierig, zu Fuß und mit Bussen und Straßenbahnen aus Großstädten herauszufinden. So erreichte ich erst in der Dämmerung die Piazza Lodi am südlichen Ende der Stadt.

Dort fragte ich an einer Tankstelle ein junges Pärchen, ob sie mich ein Stück in Richtung Cremona mitnehmen könnten. Die Beiden ließen mich in ihr Auto einsteigen, fuhren los und baten mich nach einiger Zeit, etwas auf meiner Gitarre zu spielen. Ich spielte und sang darauf das Lied „L´inverno e passato“ und das Lied „Signor Abate“. Danach fragten sie mich, wo ich denn hinwolle. „Nach Sizilien und heute so weit, wie Sie fahren“, antwortete ich ihnen. Sie flüsterten darauf etwas miteinander, was ich nicht verstand. Danach baten sie mich darum, ein deutsches Abendlied zu singen. Sie fuhren tatsächlich bis Cremona. Dort hielten sie vor einem großen Bahnhof, stiegen beide aus und sagten, ich solle einen Moment auf ihren Wagen aufpassen. Nach 10 Minuten kamen sie zurück, überreichten mir eine Papiertasche, in der sich eine Flasche Rotwein und ein riesengroßes Schinkenbrötchen befanden, und gaben mir einen Fahrschein mit den Worten: „In einer halben Stunde kommt ein Rapido, der nach Rom fährt. Dort werden sie morgen früh gegen 6 Uhr eintreffen. Bon Viaggio!“

So erreichte ich dann, wie vorhergeträumt, schon am 24. März die Stadt Rom und konnte den Sonntag genießen. Dazu setzte ich mich auch für drei Stunden auf die Piazza di Campidoglia, die Michel Angelo entworfen hat. Auch freute ich mich darauf, dass ich am nächsten Tag dort die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft aus nächster Nähe miterleben durfte. Deshalb störten mich die Rundfunk-Übertragungswagen nicht, die dort standen, weil die RAI die Übertragungen für den Montag vorbereitete, an dem dort die Römischen Verträge unterzeichnet werden sollten. So verbrachte ich den Morgen des 25. März auch noch auf dem Kapitol und erlebte die Geburt Europas in unmittelbarer Nähe mit.

Ich trampte erst gegen Mittag weiter, kam aber an diesem Tag kam nur bis nach Neapel. Etwa 30 Kilometer hinter Neapel nahm mich am Dienstagmotgen ein englischer Offizier in einer fabrikneuen großen Limousine mit, die das Steuerrad auf der rechten Seite hatte. Er war in Malta stationiert und hatte mit seinen Kameraden gewettet, er könne ein neues Auto billiger von London nach Malta überführen als andere. Damals gab es noch keine Autobahn durch Calabrien, die Straßen waren ungepflegt und bei der Fahrt durch die vielen Serpentinen konnte man manchmal Autowraks in den Abgründen erkennen. Da war die Rechtssteuerung eine gute Hilfe. Auch auf dieser Fahrt wurde ich aufgefordert, einige Lieder zu singen. Und so sang ich dann: „O, give me a home“, „Show me the way to go home“, „O, poor old Reuben Ranzo“ und was mir sonst noch so an englischen Liedern einfiel. Danach fragte der Captain mich, ob ich Hunger hätte. Ich könne von ihm so viele hard boiled eggs haben, wie ich wollte. „Wie kommen Sie denn dazu?“ fragte ich ihn. Ja, sagte er, seine Frau habe ihm für die Fahrt nach London 10 hart gekochte Eier mitgegeben, da er diese so gerne esse. Zur Begrüßung habe ihm seine Schwiegermutter in London, um seine Vorliebe wissend, fünf hart gekochte Eier zubereitet und jetzt für die Fahrt nach Malta habe sie ihm 15 hart gekochte Eier mitgegeben. Er möge zur Zeit keine Eier mehr, ja, es werde ihm übel, wenn er nur das Wort „Ei“ höre. Gegen Abend erreichten wir Sizilien und suchten nach einer Unterkunft für die Nacht. Zwei Herbergen, die wir deshalb betraten, waren so schmutzig, dass wir die Gebäude schnell wieder verließen. Und so fuhren wir dann im Dunkeln noch weiter bis nach Taormina, wo wir auf einem Platz mitten in der Stadt – damals durfte man mit dem Auto dort noch hinein – im Auto übernachteten.

Am anderen Tag besichtigte ich morgens die Stadt Taormina und trämpte mittags weiter nach Catania, wo ich in einer Jugendherberge übernachtete. Ich war der einzige Gast in dieser Herberge und der Herbergsvater bemerkte: „ Es wird Frühling, der erste Deutsche ist schon da.“ Als ich am nächsten Tag die Stadt besichtigte, umzingelte mich auf einmal, laut auf Trillerflöten pfeifend, mehrere Studenten und Studentinnen. Sie trugen eine Art Narrenkappen mit kleinen Glöckchen dran und verlangten, ich solle ihnen Rock´n roll spielen.

Es war der erste Tag des neuen Semesters an der dortigen Universität. Für diesen Tag gab es den Brauch, dass die älteren Semester durch die Stadt zogen und nach Erstsemestern Ausschau hielten. Fanden sie einen der Neuen, so umzingelten sie ihn, trillerten auf ihren Flöten und lockten so weitere ältere Studenten und Studentinnen herbei. Wie sich die Neuen auslösen konnten, habe ich nicht erfahren können, da der Student, den ich danach fragte, zu schnell sprach. So spielte ich also Rock´n roll und die Studenten sangen und tanzten. Immer mehr kamen hinzu. Zuletzt waren es bestimmt 200. Und dann hatte ich eine Idee: Ich bückte mich, verließ den Kreis und sah und hörte mir das Spiel von außen an. Sie tanzten zu einer Musik, die schon gar nicht mehr da war.

Am Freitag wollte ich von Catania aus nach Palermo, kam jedoch nur sehr langsam voran. Zum Teil war ich das selbst schuld, denn die Landschaft war überschön. Auf den Wiesen wuchsen tiefblaue, purpurfarbene und rote Anemonen. Deshalb bat ich einen Autofahrer darum, anzuhalten und mich hinauszulassen, damit ich die Schönheit zu Fuß genießen konnte. Ja, das war Prima Vera!

Und so zog ich über die Landstraße und sang Joseph von Eichendorffs Lied „Ich reise übers grüne Land. Der Winter ist vergangen. Hab um den Hals ein gülden Band, daran die Laute hangen. – Der Morgen tut ein´n roten Schein, den recht mein Herze spüret. Da greif ich in die Saiten ein. Der liebe Gott mich führet.“

So konnte ich natürlich Palermo an diesem Tag nicht erreichen. Deshalb nahm ich ab Enna einen Rapido und erreichte gegen Abend mein Ziel. In der Jugendherberge in Palermo war ich der einzige auswärtige Gast. 12 junge Männer feierten dort jedoch das Motorflugexamen eines Gruppenmitglieds und luden mich ein, mit ihnen zu feiern.

Der Wein beflügelte mich, so dass ich bis in die Nacht hinein gerne auf der Gitarre spielte und zur festlichen Stimmung meinen Teil beitrug. Um 0 Uhr endete das Fest. Da dankte mir der Anführer der Gruppe für meine Musik und verriet mir, dass der Pilot bei der Prüfung durchgefallen war. Da das Fest jedoch mit Speisen und Getränken vorbereitet war, habe man trotzdem gefeiert. Und es sei doch ein prima Fest gewesen, passend zum Primavera. Am nächsten Tag besuchte ich den herrlichen Kreuzgang von Monreale und die Kathedrale von Palermo. Dort verweilte ich lange am Porphyrsarg Friedrich des II. von Hohestaufen, den ich damals verehrte.

Der Schluss der Reise ist schnell erzählt. Bei einem Telefonanruf bei meinen Eltern erfuhr ich, dass ein Professor bei ihnen angerufen hatte, um mir mitzuteilen, dass ich mein Referat eine Woche früher halten müsse, als geplant. Da war auf einmal Holland in Not. Sofort eilte ich zum Bahnhof und fuhr dann mit der Eisenbahn zurück nach Köln.

DAS WUNDER VON LOURDES

Viel Wunderbares hatte ich zwar schon erlebt, aber noch nie ein richtiges Wunder. Doch dann geschah es:

Ich wollte zusammen mit meinem Freund Monne nach Südfrankreich trämpen und dabei auch den Wallfahrtsort Lourdes besuchen. Als ich das bei einer Familienfeier erzählte, winkte mich danach meine Tante Traudchen auf Seite, steckte mir 10 DM zu und bat mich, in Lourdes eine Kerze für sie aufzustellen.

In Lourdes nahmen wir Quartier in einer Art Jugendherberge. Dort sprach uns ein junger Mann an und sagte, er sei Reporter und seine Redaktion in Dänemark habe ihm seit über einer Woche kein Geld mehr geschickt. Dadurch habe er seit drei Tagen keinen Löffel mehr im Mund gehabt und habe sehr brennenden Hunger. Ob wir ihm nicht etwas Geld leihen könnten. Er werde es uns ganz bestimmt zurückgeben.

Da ich im Krieg oft gehungert hatte, konnte ich mir vorstellen, wie schlimm ihn sein „brennender“ Hunger plagte, und gab ihm die 10 DM meiner Tante. Der Tante konnte ich ja dann erzählen, ich hätte für sie vor der Madonna in Lourdes eine Kerze gekauft und angezündet. Die Heilige Maria würde da wohl ein Auge zudrücken.

Der Journalist bat mich noch um meine Adresse, damit er mir das Geld zurückschicken könne, wenn seine Redaktion ihm endlich sein Geld schickte. Um ihm das Gesicht zu lassen, gab ich ihm meine Adresse.

Und dann geschah das Wunder. Ich war schon über einen Monat wieder zu Hause in Köln, da erhielt ich per Luftpost einen Brief aus Italien –  mit (m)einem 10 Mark Schein.

 

 

 

Muss ich jetzt noch einmal nach Lourdes fahren, um dort für meine Tante eine Kerze aufzustellen, oder kann ich die einer anderen Madonna opfern? Etwa der kerzenfreudigen Kölner Madonna in der Kupfergasse?

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MUTTER ANNA IN PACKPAPIER

Düren ist eine mittelgroße Kreisstadt in Nordrhein-Westfalen. Hier wird in der Annakirche das sogenannte Annahaupt verehrt. Auch auf Sizilien in der Stadt Castelnuovo wird ein Annahaupt verehrt und ein weiteres in einer Kirche in Oberitalien. Alle drei sollen Wunder gewirkt haben und noch immer bewirken.

Die Heilige Anna, die Mutter der Heiligen Maria, kommt zwar im Neuen Testament noch nicht vor, sondern ist erst ca.150 nach Christus in einer apokryphen Schrift zum ersten Mal erwähnt worden. Sie ist dann aber später besonders in Italien, in der Bretagne und in Schlesien als „Mutter Anna“ verehrt worden.

Der Glaube der Menschen in der Sankt-Anna-Wallfahrt-Stadt Düren an den besonderen Schutz durch die Heilige Anna ist am 16.November 1944 sehr erschüttert worden. Damals zerstörten Bomber mit Tausenden von Bomben die ganze Innenstadt und damit auch die Annakirche. In einem Dürener Altenheim erzählte mir die Schwester des späteren Dechant Bohnekamp, wie dieser die Rückkehr des Dürener Annahauptes erlebt hat, das aus dem Schutt geborgen und zur Sicherheit in ein Kloster ins Bergischen Land gebracht worden war.

Diese Geschichte habe ich 1976 im „Jahrbuch des Kreises Düren“ unter der Überschrift „Mutter Anna in Packpapier“ erzählt. Später habe ich sie noch eimal in der Schrift „500 Jahre St. Anna in Düren“ veröffentlicht. Daraus stammt der folgende Abdruck.

 

BLECHDOSEN

Im vorigen Jahrtausend kannte  man für Getränkedosen noch kein Einwegpfand. Da musste oft noch viel Dosen-Müll von den Straßen beseitigt werden. Wenn wir als Kinder solch eine Dose auf der Straße liegen sahen, nahmen wir oft einen kurzen Anlauf, traten dagegen und freuten uns dann, wenn die Dose scheppernd über das Straßenpflaster hüpfte. Noch als Erwachsener spürte ich oft ein Zucken im rechten Bein, wenn ich solch eine Dose auf der Straße liegen sah. Ich trat jedoch nicht mehr dagegen.

Und dann geschah eines Tages dies:

Im Fach Sozialwissenschaft versuchte ich meinen Schülern beizubringen, was man im Alltag unter Rollenspiel und Rollenverhalten versteht. Ich tat das unter anderem ungefähr mit folgenden Worten: „Wenn ich als alter Lehrer über die verkehrsberuhigte Haupteinkaufsstraße unseres Städtchens gehe und sehe dort eine leere Cola-Dose liegen, kann es passieren, dass ich ein leichtes Zucken im rechten Bein verspüre und am liebsten so dagegen treten würde, so dass die Dose laut scheppernd über die Straße hüpfen würde. – Werde ich das tun? “

In ihren Antworten wiesen die Schüler darauf hin, dass zu viele ehemalige Schüler und zu viele Eltern von Schülern mich kennen würden und dass ich deshalb nicht dagegen treten würde, weil sich dies für einen Lehrer und für einen alten Mann nicht gehöre. Da war ich froh darüber, dass meine Schüler durch mein Beispiel richtig erkannt hatten, dass mit gewissen Positionen auch ein bestimmtes Rollenverhalten verknüpft ist. Für einen Lehrer gehört es sich nicht, auf den Straßen gegen Blechdosen zu treten, und für einen alten Mann erst recht nicht.

Und jetzt kommt es! – Als ich drei Tage später den Unterrichtsraum betrat, lagen vor der Schultafel ca. 200 leere Cola-Dosen aufgehäuft. Ich spürte ein Zucken im rechten Bein, erlag der Versuchung, nahm einen Anlauf und trat mitten in den Dosenhaufen hinein, so dass die Dosen mit lautem Scheppern auseinander sprangen.

Da war ich, wie man so sagt,  aus der Rolle gefallen. War mein Verhalten verrückt oder war es menschlich? Schüler, Verwandte, Nachbarn und viele Bekannte hatten in den vorhergehenden Tagen mit viel Eifer die Dosen gesammelt. Musste ich die Schüler da nicht für diesen Sammeleifer belohnen?

 

PS: Während ich dies niederschrieb, verspürte ich in meinem rechten Bein mehrmals ein seltsames Zucken. Das war wohl eine fußfeste Erinnerung an meine Jugendzeit, die mir da ins Bein gefahren war.

VIELEN DANK FÜR EINE NEUE HÜFTE

Vor 14 Jahren lag ich, angeschlossen an viele Schläuche und Kabel, in einem Krankenhaus und verfasste dort aus Dankessucht für den Chefarzt der Orthopädie ein Dankgedicht.

 

Nachdem derselbe Arzt jetzt meine rechte Hüfte entsorgt und mir eine neue vepasst hatte, bat er mich um ein weiteres Dankgedicht, das ich sodann im Liegen mit Schmerzen verfasste. Da wollte der Oberarzt auch solch ein Gedicht. Da wollten die Pflegerinnen und Pfleger auch solch ein Gedicht. Da wollte der Physiotherapeut auch solch ein Gedicht. Da wollten die, die mich fütterten, auch so ein Gedicht. Mühsam fand ich zwar Reim auf Reim und hielt manches Versmaß ein. Aber man konnte schon bemerken, dass mein Gehirn nach der langen Vollnarkose zuerst doch noch etwas wacher hätte werden müssen, um mit Rainer Maria mithalten zu können.

 

 

Danklied für Dr. B….n

 

Tiefe Schnitte

in die Mitte.

Ziel abwägen!

Kapsel sprengen

und die Längen

richtig wählen..

Nie beim Schnitt das Ziel verfehlen!

Himterher das Blut aufwischen,

alles wieder grundausrichten

und verschließen mit Bravour:

So gelingt die Arbeit nur.

 

Man kann dies tun mit finstrem Blick

auf das abzuschneid´ne Stück.

Bei Doktor Schneider ist das anders,

ja, der heitre Schneider kann das:

Er lächelt stets beim Schnibbeln fein,

bringt Fröhlichkeit ins Tun hinein.

Vielleicht singt auch das ganze Team

ein Lied dabei, ganz angenehm.

Und fröhlich auf erhöhter Stell

da dirigiert mit dem Skalpell

Herr Schneider das OP-Komzert.

Das ist dann dadurch viel mehr wert

als sonst das öde Alltagsschneiden.

Nur so lässt sich auch Frust vermeiden.

 

Und ganz entspannt sing ich Patient

den Satz, der mir im Kopf rumrennt:

„Ein fröhlicher Operateur

beschleunigt meine Heilung sehr.“

Fröhlich ist Schneider durch die Bank.

Drum sag ich ihm hier vielen Dank.

 

 

Dank an den Fan von Bayer LEVERKUSEN,   Dr. Sch…..rt,

der alle Spieler und Spiele diese Fußballclubs kennt

 

Loben will ich Doktor Sch….rt,

der seine Hilfe nie verweigert,

der für Patienten stets ein Segen

beim vorsichtigen Knochensägen.

Er plante mit die tiefen Schnitte,

befolgte oft der Opfer Bitte,

die Narben kleiner zu gestalten,

und hat sich oft daran gehalten

den minimalsten Weg zu gehen.

So konnt´ danach man kaum was sehen.

Und schön blieben so Bein und Busen

so mancher Maid aus Düren.

 

 

Dank an das Pflegepersonal

 

Fallen können wie in Pfühle,

angstfrei krank sein und bei Hitze Kühle

und bei Zittern wohliges Wärmen,

Hilfen beim Durcheinander von Därmen

und sanftes Waschen vom verletzten Körper.

Kontrollbesuche immer öfter,

damit man sicher liegt und ruht.

Auch des Nachts gar wohl behütet,

Abfälle schnell eingetütet

und zart beruhigend bei großen Sorgen

und iäglich froh ein „Guten Morgen!“

gerufen in den Krankensaal.

So arbeitet das Pflegepersonal

und lässt uns Krank-Sein fast genießen.

Deshalb will ich mit Dank es grüßen.

 

 

Dank an den Physiotherapeuten

 

Erster Schritt,

Krücke mit!

Knappe Worte

von der Sorte

„ruhug bleiben!“.

Langsam schreiten,

möglichst Arhythmie vermeiden.

Wer nicht nach mehr Ruhe schielt´

sich an die Befehle hielt,

die Schrittmacher ihm leise gab,

konnt wegwerfen den Krückenstab,

und seine operierten Knochen,

die waren dann nach wen´gen Wochen

wieder heil und fit und rank.

Dem Schrittmacher gebührt hier Dank.

 

 

Dank an die Köche

 

Mein Freund Jean, Ritter der Ehrenlegion,

ich kannt´ihn viele Jahre schon,

da vertraute er mir an,

was in Frankreich macht ein Mann,

wenn er muss ins Krankenhaus.

Dann schaut er nicht nach Ärzten aus,

sondern nach den besten Köchen

und dem Service auch am Bett,

denn der muss bestens sein und nett.

Wenn er in Pipstadt wählen müsste,

dann wählte er mit tausend Küssen

hier das Pipstädter Krankenhaus.

Mit Dank ist dieses Lied jetzt aus.

 

 

 

EINE WUNDERBARE REISE

Im Jahr 1984 bot die VHS des Kreises Düren eine alternative Israelreise an mit Übernachtungen in Jugendherbergen, in Containern und bei israelischen Familien. Ich war schon 1957, 1974 und 1982 in diesem Land gewesen, diese Reise jedoch war die schönste.

Im 7. Kapitel des Hohen Liedes wird die Schönheit der Shulamit besungen. In Haifa übernachteten wir in einem Hotel, das den Namen „Shulamit“ trug. Dort jedoch, wo wir Schönheit erwarteten, befehligte stattdessen ein militärisch auftretendes Jackenkleid mit älterer Damenfüllung das männliche Bedienungspersonal. Umso schöner war es an den nächsten Tagen.

In Tabga am See Genesareth wohnten wir in einer Jugendherberge. Wir konnten wählen, ob wir in Vierbettzimmern wohnen wollten, die man nicht abschließen konnte, oder in einem großen Raum mit 20 Betten, den man tagsüber abschließen konnte. Die Gruppe entschied sich für den abschließbaren Großraum. Und so übernachteten dort nicht nur Männer und Frauen, Akademiker und Nichtakademiker, sondern sogar Katholiken, Protestanten und Atheisten zusammen in einem Raum.

Unvergessen sind die Abende bei Mondschein am See Genesareth in Tabga. Da haben wir fröhlich viel zusammen gesungen. An einem der Abende wollten wir spielend etwas Bleibendes schaffen und gründeten bei Vollmond spaßeshalber die „Deutsche-See-Genesareth-Gesellschaft“, zu deren Generalsekretär ich gewählt wurde. – Das Versprechen, ein Messingschild mit der Inschrift „Generalsekreteriat der Deutschen-See-Genesareth-Gesellschaft“ an unserem Haus anzubringen und ab und zu Meldungen an die Presse zu leiten mit dem Wortlaut „ Wie der Generalsekretär der „ Deutschen-See-Genesareth-Gesellschaft“ mitteilt….“ habe ich allerdings nie erfüllt.

In Jerusalem übernachteten wir bei frostnahen nächtlichen Temperaturen auf dem Ölberg in Containern. Doch statt der üblichen Anzahl von zwei Betten standen vier Betten darin. Die Koffer lagen unter den Betten, so dass man daran nur konnte, wenn die anderen drei Containergenossen nach draußen gingen. In der Nacht hatte man die Wahl zwischen Zittern vor Kälte bei geöffnetem Fenster oder unangenehmen Naseneindrücken bei geschlossenem Fenster. Entschädigt wurden wir dort jedoch durch zwei Besonderheiten. Zum einen hatten wir von der Höhe des Ölbergs einen wunderbaren Blick auf die Altstadt Jerusalems. Außerdem konnten wir den Preis für die Übernachtungen selbst festlegen.

„Blick aus dem Container auf Jerusalem“

 

Geblieben von dieser Reise ist der Kontakt zu der Familie, die meine Frau und mich im Moshav Beit Yitzhak beherbergte. Dem Vater war als Junge die Flucht aus einem KZ in Jugoslawien gelungen. Die Mutter schrieb währen unseres Besuchs  gerade an ihrer Habilitationsschrift und war später Professorin für Informatik am Technion in Haifa. Viele Briefe und E-Mails gehen da immer noch hin und her. Zum ältesten Sohn haben wir zusätzlich laufend noch durch facebook Kontakt.

Mein Traum ist es, noch einmal Jerusalem zu besuchen und dort einen Rundgang über die Stadtmauer zu machen. Vielleicht gelingt mir das jedoch erst in meinem nächsten Leben.

PFARRER DR. CHRISTOPH HENKEL ZUM GEDENKEN

Mein Freund Christoph (1926-2001) versuchte, Christus durch die Rur nach Abenden zu tragen. Als Soziologe mit Lehrauftrag analysierte er früh die Situation der römischen Kleriker-Kirche und zog daraus mutig seine Konsequenzen. Er ließ Frauen und Männer aus der Pfarre predigen, feierte die Eucharistie stets mit einer anderen Familie zusammen, die stellvertretend für die übrige Gemeinde mit ihm am Altar stand. Er machte der Gemeinde Mut, sich auf die zu erwartende pfarrerlose Zeit vorzubereiten. Er ließ sich zur Verteidigung von Flüchtlingen, der seine Gemeinde Kirchenasyl gewährte, verprügeln. Der Besuch eines Malkurses befähigte ihn dazu, dieses Selbstbildnis zu malen. Heute hab ich eine Ablichtung des Bildes wiedergefunden.

ENKEL PFLEGT GRAB DER ELTERN MIT RIPPE SEINER OMA

Das ist wirklich so geschehen und das war mir sehr peinlich. Aber der Reihe nach!

Ich wollte vor Allerseelen das Grab meiner Eltern in Ordnung bringen. Vor Ort musste ich feststellen, dass sich die Einfassung auf der rechten Seite des Grabs etwas verschoben hatte. Deshalb suchte ich hinter dem Grab nach einem Stein oder Ast, um damit etwas Kies unter den Einfassungsstein zu schieben, damit dieser wieder waagerecht lag. Ich fand dort auch bald ein stabiles schwarzes Stück Holz, und nach einigem Scharren lag der Einfassungsstein wieder richtig.

Als ich mein „Werkzeug“ nun wieder ins Gebüsch zurücklegen wollte, stellte ich fest, dass dies kein Holzstück, sondern eine menschliche Rippe war. Da Jahrzehnte vor meinen Eltern nur meine Großmutter in diesem Grab bestattet worden war, war dies wohl eine Rippe von ihr, die vermutlich beim neuen Ausschachten ans Tageslicht gekommen war,

Ich bat meine Oma um Entschuldigung und glaubte daraufhin leise die Worte zu zu vernehmen: „Ist schon gut, Jüppchen.“ Wenn nun eine Boulevardzeitung davon erfahren hätte, hätte die Überschrift über diese Geschichte unter Umständen gelautet: „Enkel pflegt Grab der Eltern mit Rippe seiner Oma“.

Sexistisches Gedicht ?

avenidas

avenidas y flores

flores

flores y mujeres

avenidas

avenidas y flores y mujeres y

un admirador

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Dieses schöne Gedicht verfasste Eugen Gomringer im Jahr 1953. Es zierte lange Zeit die Fassade einer Berliner Hochschule. Nun soll es überstrichen werden, weil sogenannte Feministinnen das Gedicht als sexistisch eingeordnet haben, da es Frauen zu Objekten eines Bewunderers erniedrige.

Spiegelbeitrag zu dem Thema

 

 

PARODIE oder REALITÄT ?

avenidas

avenidas und städtische Blumenkübel

Blumenkübel und aufgezäumte Frauen, die sich,

auf hohen Absätzen schreitend, voranquälen

und Männer, die ihre Goldkettchen und Armbanduhren ausführen

und städtische Blumenbeete in Beton

und vom Wind verwehte Abfälle

und Juwelierläden und Modeboutiquen und Nagelstudios

und Menschen, die ihr Spiegelbild

in den Schaufensterscheiben wie ein Objekt kritisch betrachten

und Hunde

und Männer, die sich über schöne Frauen freuen

und der erquickende Schatten großer Platanen

und Frauen, die den Blick von Frauen suchen

und den von Männern

avenidas

Bühnen für Frauen und Männer und Hunde und

Brunnen und Blumen

Lass die Toten ihre Toten begraben!

Anfang der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts traf sich ein kleiner Kreis Jugendlicher einmal im Monat mit dem Dominikaner Pater Laurentius Siemer im Kölner Dominikanerkloster St. Andreas zu Gesprächen über soziale und über religiöse Fragen. Laurentius Siemer war von 1932 bis 1946 Provinzial der deutschen Ordensprovinz der Dominikaner gewesen. Als Widerstandskämpfer sollte er 1944 nach dem misslungenen Attentat auf Adolf Hitler verhaftet werden und entkam nur knapp der Gestapo.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ehe es im Fernsehen die Sendung „ Das Wort zum Sonntag“ gab, sprach Laurentius Siemer regelmäßig in einer kirchlichen Sendereihe mit dem Titel „Der Regenbogen“ zu den Zuschauern. Dadurch und durch Rundfunksendungen verschiedener Sender wurde er weithin bekannt. So kam es, dass viele seine Bekanntschaft suchten. Manche von ihnen ließen ihm regelmäßig Präsentkörbe zukommen. Bei unseren Gesprächen verzehrten wir oft die Süßigkeiten aus diesen Körben.

Viel Platz in Pater Laurentius´ Zimmer nahm eine große Studio-Maschine zur Aufnahme von Beiträgen für Rundfunksendungen ein. Als nun 1953 Papst Pius XII. durch eine schlimme Magenkrankheit und einen nicht endenden Schluckauf dem Tode nahe war, erhielt Laurentius Siemer vom Südwestfunk den Auftrag, eine Würdigung des Papstes vorzubereiten, die dieser Sender für den Fall von dessen Tod sofort senden konnte. Pater Laurentius spielte uns diesen Beitrag damals vor und bat um unsere Kritik. Heute noch habe ich den Anfang dieser Sendung im Ohr. Sie begann mit dem Läuten der Glocken des Petersdoms. Dann wurde der Klang des Geläutes zurückgenommen und Pater Laurentius sprach zu Beginn folgende Worte: „Papst Pius der XII. lebt nicht mehr. Soeben verkündeten die Glocken des Petersdoms seinen Tod…“ Erst nach vielen Wochen zwischen Leben und Tod konnte der Papst damals seine Arbeit wieder aufnehmen. Im Jahr 1956 starb stattdessen ganz plötzlich – mitten bei der Vorbereitung für einen Beitrag der Sendung „Der Regenbogen“ – Laurentius Siemer . Der Papst jedoch starb erst zwei Jahre später im Jahr 1958.

Als ich vom Tod Pius des XII. erfuhr, schaltete ich sofort den Südwestfunk ein, um zu hören, ob dort vielleicht ein Toter einem Toten eine Totenrede hielt. Vielleicht habe ich den Sender damals zu spät eingestellt, meine Suche blieb vergebens. So wurde also auch in diesem Fall nicht befolgt, was Jesus laut Matthäus 8,22 gefordert hat: „Lass die Toten ihre Toten begraben“.

 

Mehr Informationen zu Laurentius Siemer via Wikipedia

 

 

 

ENTSETZEN ÜBER STAATLICHE ANTISEMITISMUS – BEAUFTRAGUNG

Es gibt Beauftragte für Vielerlei: Kulturbeauftragte sorgen für Kultur, Brandschutzbeauftragte für den Brandschutz, Auftragsmörder für Morde usw. Wie der deutschen Presse in den letzten Tagen zu meinem Entsetzen zu entnehmen war, soll es jetzt auch einen staatlichen Antisemitismus-Beauftragten geben.

 


 

 

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Gemeint ist mit diesem Ausdruck zwar eine Person, die dabei helfen soll, Antisemitismus abzuwehren. Aber man denkt bei dem Ausdruck „Beauftragter“ doch zunächst an ein „Wofür“.

Gerade in Deutschland sollte es angesichts Geschichte dieses Landes niemanden geben, der in staatlichem Auftrag für Antisemitismus sorgt. Der Ausdruck müsste deshalb dringend abgeändert werden. Die Formulierung „Antisemitismus-Abwehr-Beauftragter“ würde z. B. treffender sein.

Das Bild, das ich in der Straßburger Eglise Saint Thomas aufgenommen habe, drückt gestisch das aus, was ich als Sprach-Erziehungs-Beauftragter a.D. bei dem Ausdruck „Antisemitismus-Beauftragter“ empfunden habe: O nein!

 

 

 

 

 

Ähnlich liegt der Fall übrigens auch beim „Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“.

 

“ WAT ES ENE BASELEMANES ? „

„Wat es ene Baselemanes ?“

Esu frogte neulich de Akademie för uns kölsche Sproch op Facebook de Juhser. No woss ich, dat domet et Häng-Bütze gemeint es. Dat et dat immer noch gitt, erfuhr ich, wie ich mich ens met der aal Oma Rollersbroich üvver gode Benemm ungerheeldt.

Die Rollersbroich wore Fründe un Nohberslück vum Heinrich Böll, un do dä sing Fründe off och met bei die noh Hus braht, kom och dä Kopelew öfter met. Dä Kopelew hatt ene ganz prächtige wieße Baat. Vun däm Baat dät de Oma Rollersbroich – e ganz dönn 92 Johr ald Fräuche – domols ganz begeistert verzälle:

„Dä Kopelew, dat es noch eine vum aale Schlag. Wenn dä bei uns kütt, begröß dä mich immer met enem Baselemanes. Un wenn dann däm singe Baat op ming Hand kütt, dann griselt mich immer – vum Kopp, der Röggen erav bes en de Föß.“

Dat es ald vür 40 Johre passeet, ävver wenn ich hügg dat Wöödche ‚Baselemanes‘ hüre, sinn ich immer noch dat begeisterte Geseech vun dä aal Frau Rollesbroich.

GÄSTE UND FESTE

„Tages Arbeit, Abends Gäste! Saure Wochen, frohe Feste! Sei Dein künftig Zauberwort.“ heißt es in Goethes Gedicht „Der Schatzgräber“. Ich habe jedoch keinen Goethe benötigt; denn meine Eltern waren es, die mir vorgelebt haben, wie wichtig Gäste und Feste für ein gelingendes Leben sind.

IM HAUS MEINER ELTERN

Mein Vater war ehrenamtlich Präfekt des Katholischen Jungmännerverbandes Köln Nord und dadurch hatten meine Eltern immer viele Gäste. Als dieser Verein im Rahmen der Gleichschaltung aller nicht-nationalsozialistischer Vereine aufgelöst wurde, trafen sich oft viele junge Männer und Frauen verbotener Weise weiter heimlich in der Wohnung meiner Eltern. Wir Kinder wurden dann nur kurz begrüßt und mussten früher zu Bett. Diese Versammlungen fielen auf die Dauer natürlich auch dem Hauswart, dem Zellenwart und dem Blockwart der Nationalsozialisten auf, so dass unsere Wohnung oft durchsucht wurde und die Post meiner Eltern ständig kontrolliert wurde. Mein Vater wurde mehrmals verhaftet und in der Kölner Gestapo-Zentrale, dem LD-Haus, verhört. Einmal 48 Stunden lang. Man konnte ihm jedoch nichts nachweisen, denn er hatte alle potentiellen Beweismittel in den Storno-Akten auf den Speichern seiner Arbeitsstelle, der Colonia-Versicherung, versteckt.

Das Wort Widerstand habe ich nie aus dem Mund meiner Eltern gehört, und wir Kinder hatten die vielen „Onkels“ und „Tanten“ gerne und lauschten in unseren Betten auf deren fröhlichen Gesang. Da meine Eltern so viele Menschen nicht so oft bewirten konnten, bekam, so hat meine Mutter mir in späteren Jahren erzählt, jeder Gast einen Teller, auf dem ein paar Brotkrümel verteilt waren, so dass es bei plötzlichen Besuchen des Haus- Zellen- oder Blockwarts aussah, als ob gerade eine Mahlzeit stattgefunden hätte.

Als man genügend Beweismittel gegen meinen Vater gesammelt hatte, waren es die Kommunisten, die meinen Vater warnten und dafür sorgten, dass er trotz seiner Herzschwäche zum Militär eingezogen wurde. So war er einem unkomplizierten Zugriff der Gestapo zunächst entzogen.

Zu den Namenstagen und Geburtstagen wurde mit all den „Onkels“ und „Tanten“ zusammen selbstverständlich echt gefeiert. Dann gab es auch Flöten-, Zither-, Gitarrenmusik und Gesang bis in den späten Abend.

Als im Jahr 1943 nach dem Tausend-Bomber-Angriff zu Peter und Paul die für die Namenstagsfeier meines Vaters vorbereitete Kuchen oben voller Glassplitter von den zerbrochenen Fensterscheiben waren, wurde die oberste Kuchenschicht vorsichtig abgeschnitten, so dass trotz aller Not gefeiert werden konnte. Alle aßen den Kuchen gerne, aber so vorsichtig, wie man heute wegen möglicher Gräten Petrus-Fische isst.

Nach dem Krieg trafen sich die Freunde meiner Eltern bei uns zu Hause weiter zu vielen fröhlichen Festen. Die Bewirtung war dabei einfach und bestand in der Regel aus Tee, belegten Broten und einer Suppe. Es kam nicht auf angeberisches Auffahren von Speisen an, sondern auf frohes Zusammensein. Und dann wurden wieder viele Lieder gesungen, die mir heute noch geläufig sind.

WIE DIE ALTEN SUNGEN

Als meine Eltern 1961 in Ferien waren, lud ich die Köln-Nippeser Bonifatius-Jugend zu einer Fass- und Socken-Feier ein. Damals kamen besonders viele Flüchtlinge aus der DDR. Diesen wurde bevorzugt Wohnungen zugeteilt, so dass viele der Freunde ihre Heirat verschieben mussten. Einer brachte ein Wahlplakat des BHE mit, des Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten. Er kam auf die Idee, das Plakat so zu verändern, dass darauf stand BEE, Bund der entrechteten Einheimischen. Wir gründeten dann spaßeshalber diese neue Partei und hatten unsere Freude daran, die potentiellen Ministerposten nach ausgiebigen Bewerbungsgesprächen der Interessenten zu verteilen. Gegen Morgen waren wir entsetzt , als wir erfuhren, dass in der Nacht die Berliner Mauer errichtet worden war. Noch etwas sorgte an dem Morgen für Aufregung. Ich hatte in der Einladung angekündigt, dass alle dicke Socken mitbringen sollten, damit sie unsere Wohnung ohne Schuhe betreten könnten. Nur so könnten die Mieter der unteren Wohnung ruhig schlafen. Die Schuhe wurden in einem Wäschekorb abgelegt. In der Diele stand eine Wanne mit Wasser. Zusätzlich lagen ein Hammer und ein Meißel daneben, damit eventuell besonders hartnäckiger Dreck von den Füßen beseitigt werden könnte. Diese Maßnahme war in der Einladung angekündigt worden mit der Mahnung, pünktlich zu kommen, da das Wasser nicht erneuert würde. Das Wasser blieb jedoch wider Erwarten sauber. Um zwei der Freunde, die 20 Minuten zu spät kamen, zu bestrafen, hatten wir einen Aschenbecher in das Wasser entleert. Als nun gegen Morgen alle aufbrechen wollten, war der Korb mit den Schuhen verschwunden. Es begann ein vergebliches Suchen in allen Zimmern, Betten und Schränken unserer Wohnung. Schließlich konnten sich die zwei, die ihre Füße in dem schmutzigen Wasser hatten waschen müssen, vor Lachen nicht mehr halten: Sie hatten den Schuh-Korb mittels Seilen außen an der Hausfassade herabgelassen. Da hätten alle noch lange in der Wohnung suchen können.

1962 fanden meine Frau Ingrid und ich endlich eine eigene Wohnung im Kunibertsviertel in der Kölner Altstadt. Sie befand sich im Hinterhaus des Hauses Nr. 36 in der Niederichstraße und war von den Bombenangriffen des Krieges noch sehr beschädigt. Der Decken-Stuck aus dem Jahr 1898 war zum Teil herabgefallen, der Starkstrom wurde über Klingeldraht in den 3,20 Meter hohen Räumen verteilt. Von den Tapeten hingen nur noch verschimmelte Reste an den Wänden. Da war es gut, dass wir so viele Freunde hatten, die uns mit handwerklichem Geschick dabei halfen, die Räume bewohnbar zu machen. Vom den Fenstern des Wohnraumes aus blickten wir auf einen alten Turm der mittelalterlichen Stadtmauer, auf den Rhein, den Rheinpark auf der rechten Rheinseite und dahinter in der Ferne auf die Berge des Bergischen Lands. Der Turm hieß „Die Weckschnapp“. Damit hatte es folgende Bewandtnis: Es ging die Sage, dass dort zum Tode verurteilte Menschen eingesperrt wurden. Diese erhielten keine Nahrung. An der Decke hing ein Weck, den man jedoch nur springend ergreifen konnte. Wenn nun die Verurteilten vor lauter Hunger danach sprangen, landeten sie auf einer Falltür. Diese öffnete sich. Dadurch fielen sie 7 Meter tief in vom Rheinwasser umspülte scharfe Messer. Zum Dank für ihre Hilfe luden wir unsere Freundinnen und Freunde zu einem Richtfest mit dem Motto „Weckschnapp modern“ ein.

Da Ingrid hoch schwanger war, hatte ich in 2,50 Meter Höhe Kordeln kreuz und quer durch den Wohnraum gespannt. An diesen hingen Röggelchen mit Holländer Käse, Rollmöpse und Mettbrötchen in Plastikbeutelchen, außerdem Zigaretten, und Servietten. Sodann wurde zum Essen ein Tablett mit einer Schere herumgereicht, soo dass sich jeder selbst bedienen konnte. Als Getränk gab es Kölsch vom Fass und „Original Deutschen Futzkin“ aus dem Hause Snob. Das war eine Flasche Korn, die mit einem Etikett beklebt war, auf dem der Name „Futzkin“ groß aufgedruckt war. Ein Freund hatte mir dies in der Druckerei des Kölner Stadtanzeigers hergestellt. Dazu gab es ein Glas mit „Original deutschen Futzkin-Erbsen“ mit garantiert 11% atü. Man nahm eine der Erbsen, zerquetschte sie mit der Zunge und ließ dann einen Schluck Futzkin darüber rinnen. Das ganze sollte eine Parodie auf die Reklame für den Wodka der Marke Puschkin und die dazu gehörige Puschkin-Kirsche sein, die damals in allen Illustrierten zu finden war.

Da wir die ersten in unserem Freundeskreis waren, die eine eigene Wohnung gefunden hatten, bekamen wir sehr oft Besuch. Der brachte zwar freundlicher Weise in der Regel Getränke mit, „klebte“ dann aber manchmal bis spät in die Nacht hinein. Deshalb ließ ich dann den Ofen im Wohnzimmer ausgehen, so dass es kalt wurde im Raum. Die Folge davon war jedoch, dass die Freunde beim nächsten Mal Wolldecken und Briketts mitbrachten.

Das nächste große Fest war die Kindtaufe unseres mittleren Sohnes Martin. Der Sage nach kommen in Köln die Kinder aus dem Kunibertspütz, einem Brunnen unter dem Hauptaltar der romanischen Kirche St. Kunibert. Unter dem Motto des altkölschen Liedes „Es m´r op en Kinddäuf engelade, dat kann nix schade, do geit m´r hin“ , das von einer Tauffeier im Kunibertsviertel handelt, hatten wir alle Freundinnen und Freunde eingeladen. Nachdem Kaplan Scheurer, heute Monsignore, unseren Mähtes getauft hatte, zogen wir alle, immer wieder dieses Lied singen, in Prozession zu unserer Wohnung. Dort wurde dann ausgiebig gefeiert. Unser Freund, der Maler Anton Räderscheidt, und seine Gefährtin Gisele konnten leider nicht teilnehmen, gratulierten aber aus ihren Ferien in Chauvigny. Anton, ein Kölner durch und durch, hätte damals seine helle Freude an diesem Fest gehabt.

Auch in unserer nächsten Wohnung, in Untermaubach, war unsere Wohnung, ein gemietetes Haus, oft voller Gäste. Einen Freund, der sonst Weihnachten allein gewesen wäre, da seine Frau bei ihren Verwandten in Chile weilte, luden wir dazu ein, die Feiertage bei uns zu verbringen. Eine Klasse, die ich zwei Jahre lang in Deutsch und Geschichte unterrichtet hatte luden wir ein, ihr bestandenes Abitur in unserem Haus zu feiern. Vor zwei Jahren haben wir zusammen mit ihnen ihr 50jähriges Abitur gefeiert.

Eines Tages erhielten wir von einem Freund, der an der deutschen Schule in Kabul unterrichtete, ein Telegramm, in dem dieser darum bat, für drei Tage bei uns unterschlüpfen zu dürfen. Wir waren bereit, ihm zu helfen, und so kam er dann in 10 Tagen mit einem VW-Käfer, seinem Hund und seinem Sohn zu uns. Diesmal stieß unsere Gastfreundschaft jedoch bald an ihre Grenzen. Der Hund hatte die Rur und verschmutzte das ganze Haus, tobte im Keller und riss alles Eingemachte von den Regalen. Der Freund selbst drehte durch, da seine Frau ihn in Kabul betrogen hatte. Er trank manchmal morgens schon eine halbe Flasche Cognac und besaß scharf geladene Pistolen, die er unter den Kissen versteckte. Als er eines Nachts seine Frau, die mittlerweile in Gronau wohnte, erschießen wollte, konnte ich ihn nur davon abhalten, indem ich den Verteilerring aus seinem VW entfernte und versteckte. Schließlich überließen wir ihm unser Haus, in dem wir ständig fünf Öfen heizen mussten, als wir eine Wohnung mit Zentralheizung im selben Ort angeboten bekamen. Diese Gast- Geschichte endete fürchterlich. Als ihn seine Frau besuchte, traten beide das Glas der Haustüre ein und zerrten sich durch die scharfen Splitter hin und her. Eine Polizeistreife allein kam nicht mit ihnen zurecht, ein zweites Kommando war vonnöten. Da brachen wir jeden Kontakt ab.

In der neuen Wohnung feierten wir bald ein großes Fest. Der Eifelverein von Untermaubach und der Gemeinderat und viele Verwandte und Freunde aus Köln feierten zu Peter und Paul mit uns die Taufe unseres Sohnes Peter, der der 1000. Einwohner des Ortes war. Wir konnten das Fest mit 72 Personen im Garten feiern, da es damals sehr warm war. Franz Graf von Spee, der Burgherr von Untermaubach, war sich nicht zu schade, das Kölsch zu zapfen. Im übrigen gab es nur alten Holländer Käse und Röggelchen, die ich in Köln eingekauft hatte.

In unserer neuen Wohnung besuchten uns eines Tages ehemalige Schüler, die als Primaner oft bei uns zu Gast gewesen waren, und veranstalteten in unserem Wohnraum ein Happening. Ich hatte in den 60er Jahren an Happenings mit Otto Piene von der Künstlergruppe Zero und mit Joseph Beuys teilgenommen, hatte zusammen mit meinen Freunden Walter Recker und Jupp Ernst selbst ein Happening in der Galerie Hasenclever in der Kölner Komödienstraße veranstaltet und hatte den Schülern damals davon erzählt. Jetzt breiteten sie eine Decke auf dem Fußboden aus, wuchteten einen Zentner Sand darauf und begannen, darin mit Förmchen und Schäufelchen zu spielen, während einer von ihnen aus dem damals frisch erschienenen Kinsey-Report vorlas. Heute sind diese Herren angesehene Rechtsanwälte und Professoren der Jurisprudenz.

Auch unsere 3. Wohnung war sehr gästereich. Zu Silvester feierten 9 Primaner bei uns den Übergang zum neuen Jahr. Dabei schnitten sie einen hart gefrorenen Fasan vom linken Teil eines Balkons auf dem ersten Stockwerk eines Nachbarhauses, den sie mit Hilfe einer Räuberleiter erreichten, und legten uns diesen auf den Esstisch. Ich machte sie darauf aufmerksam, dass sie uns damit sehr viel Ärger bereiten könnten und forderte sie dazu auf, das Tier genau so schweigsam wieder am Balkongitter unserer Nachbarin zu befestigen. Das taten sie dann auch, jedoch am rechten Teil des Geländers. Am anderen Morgen konnten wir zufällig beobachten, wie die Nachbarin kopfschüttelnd ihren Fasan begutachtete.

Neben vielen Verwandten und Freunden beherbergten wir mehrere Jahre lang jeweils für 6 Wochen Theologiestudenten aus Rom und aus Löwen. Da war Paul Tong aus Honkong, der Koreaner Chanou, der Inder Peter Shun, der sogar 3 Monate lang Gast in unserem Hause war, und da war der Ruander Theonest, ein Sprachgenie. Mit ihm unterhielt ich mich darüber, weshalb es in Ruanda keine Demokratie, sondern eine Diktatur gebe. Seine Antwort lautete damals im Jahr 1974, wenn der Diktator weg sei, würdele in Ruanda ein Stamm über den anderen herfallen und dann würde es ein großes Morden geben. Ich schüttelte damals deswegen ungläubig den Kopf. Da wusste ich noch nichts von den Hutus und Tutsis und den Millionen Toten der späteren Stammeskriege.

Diese „Studenten“ kamen in ihren Semesterferien zu uns, um die deutsche Sprache zu erlernen. Oft erschienen bis zu 8 von ihnen noch abends nach 23 Uhr bei uns. Zuletzt beherbergten wir Benoit Godotte aus Benin. Er verlangte Wein zum Mittagessen und beschwerte sich über dessen geringe Qualität. Er verdunkelte das Fenster seines Zimmers, um konzentrierter arbeiten zu können, denn er wollte Deutsch lernen, um Kant im Original lesen zu können. Mit unseren Kindern sprach er kein Wort. Eines Tages kam ein Anruf von Kardinal Gantin aus Benin, und es stellte sich heraus, dass Benoit dessen Generalvikar war. Benoit war sehr wütend darüber, dass man in Benin herausgefunden hatte, wie er zu erreichen war. Dadurch wurde er ab da für wichtige Entscheidungen öfter gestört, und aus war es mit der Lektüre Kants in deutscher Sprache. Danach haben wir keine Theologiestudenten mehr als Gäste beherbergt.

1974 bauten wir uns ein eigenes Haus, dessen Fertigstellung wir mit einem großen Richtfest feierten. Auch die Türen dieses Hauses hielten wir für Gäste immer weit offen.

Einmal besuchten uns für drei Tage Yael und Ari aus Israel mit ihren Kindern Ruti, Rami und Dani. Ein Jahr später brachten sie sogar die köstliche Oma Erna mit, die trotz ihres Alters von 75 Jahren und einer achtstündigen Autofahrt von Paris nach Obermaubach bei 35 Grad sofort in unseren Wald wollte, von dem ihre Enkel ihr so viel erzählt hatten. Mit dieser Familie haben wir heute noch viele Kontakte. Neulich erst sandte uns Ari Fotos, die frisch in dem KZ gemacht worden waren, aus dem er als Kind hatte fliehen können. Ari stand dort vor einem großen Behälter, in dem man Seife aus Menschenknochen hergestellt hatte.

Auch unsere französischen Freunde aus Lothringen und aus dem Perigord waren mehrmals zu Gast in unserem Haus. Leider sind alle vier schon gestorben. Bis zu ihrem Tod standen wir in engem Kontakt zu ihnen.

Oft luden wir Kollegen und Freunde zum Singen im Advent und im Frühling zu uns ein. Das waren jeweils sehr glückliche Stunden. In der Regel waren wir dabei zu 12 Personen. Dabei war es immer unser Prinzip, unsere Gäste nur frugal, also nur mit Suppe, Brot, Eis, Wein und Kölsch zu bewirten. Nie hat sich jemand darüber beschwert.

Die Teilnehmer von drei erfolgreichen Bürgerinitiativen, zu deren Sprechern ich gehörte, tagten oft bei uns im Haus. Dabei war unter anderem auch der Schriftsteller Dieter Kühn, von dem ich in dem Artikel „Spuren von Dieter Kühn“ erzählt habe. Auch Heinrich Böll, von ihm habe ich in dem Artikel „Mein Kölner Dom“ erzählt, kündigte uns einmal telefonisch seinen Besuch an. Ich besorgte drei Flaschen roten Diätwein, da er wegen seines Zuckers keinen normalen Wein trinken durfte. Leider konnte dieser Besuch nicht mehr stattfinden, da Heinrich Böll eine Woche später ein Bein amputiert bekam und sich darauf hin ganz zurückzog.

Alle drei Monate trafen wir uns in unserem Haus mit fünf Familien, dem sogenannten Fußbergkreis.

In dem älteren Artikel „Brief an einen toten Freund“ habe ich von Manfred erzählt, der zu diesem Kreis gehörte. Manfred war schwerhörig und sprach stetes mit überlauter Stimme. Da wir bei diesen Fußbergtreffen immer angeregt diskutierten, drei von uns arbeiteten engagiert in verschiedenen politischen Parteien mit, ging es bei diesen Treffen immer sehr laut her, so dass uns unsere Kinder am nächsten Tag dann öfter fragten, ob wir uns gezankt hätten.

Jeden zweiten Monat trafen wir uns bei uns mit den Freundinnen und Freundinnen der Dürener Basisgruppe zu theologischen Gesprächen und zu Gottesdiensten.

10 mal feierten wir dabei in unserem Haus gemeinsam das Weihnachtsfest. Dabei trafen wir uns am Morgen des ersten Weihnachtstages, feierten gemeinsam Eucharistie und gaben uns dann einem üppigen Mahl hin, zu dessen Speisen und Getränken sich die Mitglieder vorher abgesprochen hatten. Zu diesen Feiern durften alle auch ihre eigenen Weihnachtsgäste mitbringen, so dass wir oft zu 25 Personen waren.

52 Freundinnen und Freunde meiner Studentenverbindung, denen ich die Schönheit unserer Landschaft vorstellen wollte, hatten wir einmal einen Tag lang zu Gast. Dabei führte uns unter anderen Franz Graf von Spee eine Stunde lang durch seine Burg, und Erdmute Gach erzählte uns, dass sie nach dem Krieg mit ihrer Oma, der Frau Sandmann, im Rinnebach-Tal Bäume gepflanzt habe und dass ihr Bruder diese Wälder heute verwalte. Die geliehenen Biertische versperrten nach diesem Treffen ein halbes Jahr lang unsere Garage, da der Bierverlag sie so lange nicht abholen kam.

MUSIK IM HAUS

Unser Sohn Peter übte oft mit seiner Kreuzauer Big-Band in unserem Haus. Einmal sogar als Probenwochenende zwei Tage lang, wobei Ingrid ihre delikaten Suppen für alle kochte. Am letzten Tag drang auf einmal eine furchtbare Katzenmusik an unser Ohr. Was war passiert?

Jeder hatte ein fremdes Instrument genommen und versuchte darauf so gut, wie er konnte, zu spielen. Ein anderes Mal probten drei lange Almhörner in unserem Wohnraum, so dass unsere Mägen zitterten.

Gipfel war schließlich eine Jazznacht mit über 100 Personen in unserem Haus. Peter hatte in den Ferien alle Bekannten dazu eingeladen und rechnete damit, dass 20 kommen würden. Aber fast alle konnten kommen. „Stellt Euch vor, die können alle kommen!“ Da wir damals noch keinen Großparkplatz besaßen, parkten die Gäste bis ins Dorf hinab. Im Hobbyraum spielte eine Big-Band. Im der ersten Etage eine Combo. Und oben im Wohnraum konnte man essen und sich gepflegt unterhalten. Es war ein herrliches Fest, von dem man sich noch jahrelang erzählte.

Den 65. Geburtstag feierte Ingrid zusammen mit ihrer Kollegin Marie-Luise. Dazu luden sie all ihre Kolleginnen und Kollegen der Dürener Telefonseelsorge zu einer 130 Jahr-Feier in unser Haus ein. Mein Freund Jean hatte mir eine Woche vorher bei einem Besuch in Bergerac für diese Feier ein 30-Liter-Fass Bergerac-Wein mitgegeben. Da das Fass nicht leer wurde, konnten sich einige noch eine Flasche von diesem köstlichen Wein abzapfen und mitnehmen. Das Foto zeigt einen Teil der noch leeren Stühle im Garten, denn die aktiven Personen der Telefonseelsorge müssen anonym bleiben.

In den Jahren 2015, 2016 und 2017 haben wir zusammen mit 22 Freundinnen und Freunden der Klause, einem Ortsverein des KV, Ende April jeweils in unserem Haus bei Kaffee und Kuchen den Frühling mit Liedern begrüßt.

ZUKUNFT

Gemeinsames Feiern und Singen und Essen und Trinken und Erzählen und Trösten und Lachen, das sind Tätigkeiten, die zu gelingendem Leben dazu gehören.. Ich bin froh, dass ich dies zusammen mit Ingrid, unseren Söhnen und vielen Gästen in meinem bisherigen Leben verwirklichen konnte. Meinen Eltern kann ich nicht genug dafür danken, dass sie mir dazu ein Vorbild waren. Ich hoffe, dass noch viele Gäste in unserem Haus einkehren werden, auf dass unser Leben weiter gelingt. Einen solchen Schatz sollte sich jeder ergraben.

 

SPIEL GEGEN SPRACH-DIKTATUR

Die Nordrhein-Westfälische Ministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung hat die Hochschulen mit Drohungen gezwungen, den Namen des Allgemeinen-Studenten-Ausschuss (ASTA) in Studierenden-Ausschuss umzuändern. Nun könnte man darüber Witzchen machen und zum Schein fordern, jetzt müsse es demnächst doch auch Christinnen- und Christen-tum, Einwohnende-Meldeamt, Sich-dem-Lebensendenahende-Residenz usw. heißen. Dafür ist die Sache jedoch zu ernst. Diese staatliche Einflussnahme auf unsere Sprache erinnert allzu sehr an das Neusprech in Orwells Roman 1984.

Es kommt hinzu, dass der neue Ausdruck sprachlich auch nicht zutreffend ist; denn Aufgabe des ASTA ist es doch, den Studenten bei ihren wirtschaftlichen und kulturellen Belange beizustehen. Wenn Studentinnen z.B. kochen, singen, malen oder stillen oder Studenten Theater spielen oder Kinder zeugen, dann studieren sie in der Regel ja dabei nicht. Demonstrierende Studierende gibt es nicht. Sie sind dann gerade ja nicht am studieren, würde ein Kölner sagen.

Aus Zorn darüber habe ich das Spiel „Schulzen“ erfunden. Dabei sticht man auf Partys mit einem Messer in ein Wörterbuch und wandelt möglichst viele Wörter im Sinne von Frau Schulze um. Über dieses Spiel habe ich im März 2017 in einem Leserbrief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet. Dabei habe ich deren Redaktion vorgeschlagen, notfalls aus juristischen Gründen den Ausdruck „einzuschulzen“ durch das Wort „zu verändern“ zu ersetzen. Natürlich habe ich mich sehr darüber gefreut, dass das Wort „einzuschulzen“ stehen geblieben ist.

 

DER FEIERKOFFER

Alle Zeitungen und Bücher sind ausgelesen. Im Fernsehen ist nichts Interessantes zu sehen, nur der übliche geistlose Kram mit zuckenden sogenannten Comedians, die den Zuschauern Unterkörper-Witzchen erzählen, worauf das Saalpublikum brav in Lachstürme ausbricht. An den PC möchte ich auch nicht mehr; er hat tagsüber beruflich einen großen Teil meiner Arbeit beeinflusst. Jetzt bin ich frei. – – – Zwar selten, aber doch ab und zu kann dann Langeweile aufkommen. – Und dagegen haben meine Frau und ich ein Mittel erfunden: unseren Feierkoffer! Er hat uns schon viel Freude bereitet. Mit ihm kann man ohne große Vorbereitung mitten im Alltag spontan kleine Feste feiern. Viele unserer Nachbarn und Freunde haben ihn schon kennengelernt.

Der Koffer enthält eine Flasche Champagner, vier Gläser, eine weiße Tischdecke, rote Servietten, einen (zerlegbaren) fünfarmigen Kerzenleuchter, fünf rote Kerzen, eine Dose Streichhölzer, eine Packung Käsestangen und ein Gefäß für die Käsestangen. Dazu einen kleinen Radiorekorder mit einer Musik-Cassette, passend zum Musikgeschmack der Freunde, die wir kurz besuchen wollen. Uns selbst gefällt am besten dazu barocke Tafelmusik.

Die Vorbereitungen zu den kleinen Festen mit dem Feierkoffer laufen in der Regel folgendermaßen ab: „Was mögen wohl die Beckers ( Müllers, Frischs, …) machen? Wir haben lange nichts mehr von ihnen gehört.“ Ein kurzer Anruf am frühen Abend: „Habt ihr eine halbe Stunde Zeit für uns? Wir würden gerne mit Euch ein Glas Champagner trinken. Ihr braucht nichts vorzubereiten; wir bringen alles in unserem Feierkoffer mit. Seid ihr um 20.15 Uhr zu Hause?“ Da kam bisher noch nie ein Nein als Antwort.

Das Ritual – Koffer öffnen, Tischdecke ausbreiten, Leuchter zusammenschrauben, Kerzen anzünden, Musik anschalten, Champagner öffnen und einfüllen – sorgt immer schon für Spannung und gibt Zeit für erste Gespräche.

Einmal schaffte es unser Feierkoffer sogar live in eine Rundfunksendung: Wir verbrachten unsere Ferien zusammen mit unseren drei Söhnen in einer Jugendherberge. Die Moderatorin Carmen Thomas besuchte mit ihrem Ü-Wagen unsere Herberge. „Familienferien in Jugendherbergen“ sollte das Thema ihrer Sendung lauten. Meine Frau und mich holte sie dabei auf die Bühne ihres Wagens; wir sollten dort Fragen des Publikums beantworten. Eine Frau fragte: „Ist das nicht etwas öde, in den Ferien von ungedeckten Tischen dicke Brotschnitten mit Margarine und Vierfruchtmarmelade zum Frühstück zu essen und dazu Malzkaffe zu trinken? – Dieser Frau konnten wir damals antworten: „Wir haben einen Feierkoffer mit einer weißen Tischdecke und einem Kerzenleuchter dabei. Außerdem gibt es hier jeden Morgen frische Brötchen, Erdbeermarmelade und Bohnenkaffee. Drei Stunden später rief uns ein Freund an, der die Sendung von seinem Krankenbett aus verfolgt hatte und äußerte sich erfreut darüber, dass unser Feierkoffer im Rundfunk erwähnt worden war.

Mittlerweile haben sich einige Freunde selbst einen solchen Feierkoffer angeschafft. Neulich schellte es bei uns, und vor der Türe standen vier Freunde mit einem großen Koffer. Sie packten eine weiß-blaue Tischdecke, acht Flaschen Oktoberfest-Bier, sechs Bierseidel und eine Schale mit frischen Bretzeln aus. Dazu ließen sie aus einem Cassetten-Rekorder Wirtshaus-Lärm und Blasmusik aus dem Münchner Hofbräuhaus ertönen. Das war eine Gaudi. In 30 Minuten waren alle acht Flaschen geleert, und schon war durch einen Feierkoffer wieder ein schönes Kurzfest gelungen.

 

 

 

 

 

 

DER GESTIRNTE HIMMEL ÜBER MIR

In seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ schreibt Immanuel Kant: „Zwei Dinge erfreuen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht … : Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir …“ An diesen Satz musste ich denken, als mir ein Freund aus Rabat über facebook Bilder einer Ferienfahrt durch die marokkanische Wüste sandte.

In Erinnerung an den Sternenhimmel, den ich selbst mehrmals in einsamen Gegenden erleben durfte,  fragte ich ihn am 18.Oktober 2017 um 17.24 Uhr: „Wie sieht dort nachts der Sternenhimmel aus?“

Um 20.21 Uhr antwortete er: „Tatsächlich ist der Anblick des nächtlichen Sternenhimmels die erhabenste und überwältigendste Erfahrung einer Wüstenreise. Die Macht der Wüste reicht nicht aus, um das galaktische Glitzermeer der Sternmyriaden zu beschreiben. Es verschlägt einem sprichwörtlich der Atem, wenn über einem in mondloser Nacht und bei absoluter Stille die Milchstraße als metaphysischer Lichtschleier vorhanggleich über den Zenit weht.“

Um ihm zu erklären, wieso ich zu meiner Frage gekommen war, antwortete ich ihm um 21.16 Uhr: „Bei einer nächtlichen Fahrt durch die Sierra Nevada waren wir so berührt von dem dunkelblauen Himmel und seinen goldgelben und weißen Sternen, dass wir die Fahrt unterbrachen, uns auf den Rücken legten und 20 Minuten lang nur in den Himmel sahen. So schön habe ich den Himmel nie mehr erlebt.“

Eine mir unbekannte Frau antwortete am folgenden Tag morgens um 6.26 Uhr: „Und man glaubt, nur die Hand ausstrecken zu müssen, um einen Stern zu berühren.“ Am gleichen Tag antwortete mein Freund um 12.48 Uhr: „Und wenn eine Sternschnuppe über den Himmel huscht, zieht man unwillkürlich den Kopf ein.“

Wenn man solche Gespräche auf facebook erlebt, muss man dankbar dafür sein, dass es solch moderne,  Distanzen überwindenden Kommunikationsmittel gibt. Da wird nicht nur Mist verzapft!


 

 

UNSER LIEBER KATER BEETHOVEN

Als Weihnachtsgeschenk hatten wir auf den Rat unseres Kinderarztes hin eine Katze in unsere Familie aufgenommen. Unsere Söhne sollten so Zärtlichkeit und Verantwortung einüben können. Und wir hatten Glück; ein Kater, dem wir wegen seiner ständigen Tonübungen den Namen Beethoven gaben, bereicherte seitdem unser Familienleben. Er schmuste gerne und streichelte selbst die kleinen Figuren unserer Weihnachtskrippe ausgesprochen vorsichtig.

Gegen Abend verließ er in der Regel unser Haus, ging auf Brautschau, sicherte sein Revier oder hielt Ausschau nach jagdbaren Tieren. Wenn ich selbst gegen 24 Uhr meine Studien und meine schriftlichen Arbeiten beendet hatte, rauchte ich oft draußen vor unserem Haus noch eine Zigarette. Meistens kam Beethoven dann angerannt, strich an meinen Beinen entlang und nahm leise schnurrend neben mir Platz. Eines Abends führte ein mir damals noch unbekannter neu hinzugezogener Nachbar um die selbe Uhrzeit seinen Dackel aus. Als sich die beiden näherten, sagte ich leise zu Beethoven: „Bleib ruhig sitzen, Beethoven, der Hund tut dir nichts. Du kannst ganz ruhig sein, Beethoven.“

Beethoven blieb sitzen und der Nachbar ging an uns vorbei.

Ein Jahr später hatte ein anderer Nachbar zur Feier seines 51. Geburtstags viele Gäste, darunter auch  die neuen Nachbarn und uns, eingeladen. Als meine Frau einem Reporter davon berichtete, dass unser Beethoven sich zur Zeit gerne in unserem Bücherregal neben den Werken von E.T.A.Hoffmann schnurrend und  murrend ausruhe, mischte sich die Frau des neuen Nachbarn  erheitert mit einem lauten „Ach so war das!“ in das Gespräch ein. Sie berichtete, dass ihr Mann damals mit ihrem Hund nach Hause gekommen sei und erzählt habe, dass einer ihrer Nachbarn wohl verrückt sei. Dieser stehe in der Nacht vor seinem Haus und unterhalte sich leise mit dem Komponisten Beethoven. Scherzend habe ihr Mann noch hinzu gefügt, Beethoven sei doch fast taub und verstehe nur laute Ansprachen.

Seit dieser Aufklärung begegneten mir diese Nachbarn übrigens, ohne dabei wie vorher unsicher zu lächeln.

Manchmal ließ uns Beethovens am Erfolg seiner nächtlichen Streifzüge teilhaben und legte uns  seine Jagdstrecke vor die Haustüre. Darunter war einmal sogar ein junges Kaninchen.  Ab und zu lag dort auch ein Vogel. Meistens jedoch waren es Mäuse.

Von vielen Tierliebhabern habe ich gehört, dass ihre Tiere instinktiv wahrnehmen, wenn ihre Familie verreisen will. Sie werden dann seltsam unruhig oder sogar krank. Einmal rastete Beethoven sogar aus und versuchte unsere Reise zu verhindern, indem er unsere Landkarten zerfetzte.

Da Beethoven kein Einsiedlertyp war, genoss er es regelmäßig, wenn wir Gäste hatten. Er legte sich dann  in die Runde dazu und huschte auf einen Stuhl, sobald jemand diesen für kurze Zeit verließ. Obwohl er sich gegen Ende seines Lebens kaum noch auf seinen Beinen halten konnte, tat er dies auch noch wenige Stunden, bevor er starb.

Als Abschiedsritual projizierte ich damals vom zweiten Stockwerk unseres Hauses aus Beethovens Spiel mit unseren Krippenfiguren auf die Schneedecke unserer Wiese. Dieses große Bild hat sich fest in meiner Erinnerung eingenistet.

 

 

DIE GEBETS-KETTE

Da wollte ich schon immer einmal gerne hin. Peter Bamms Buch „Frühe Stätten der Christenheit“ hatte mich auf die Klöster auf dem Berg Athos neugierig gemacht. Mit Hilfe eines Briefes von Kardinal Frings und einem Empfehlungsschreiben der Griechischen Konsuls in Köln an seinen Bruder Philippos Philippodou in Thessaloniki gelang es mir, ein sogenanntes Diamonitirion  zu bekommen. Die vier regierenden Äbte der Mönchs-Republik Athos bescheinigten mir darin, dass ich 10 Tage lang Gast in den Klöstern des Berges Athos sein dürfe.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In einem der Klöster bat man mich, einen Esel mitzunehmen, der dem Kloster gehörte, das als nächstes mein Ziel war. Das Tier kenne den Pfad dorthin und könne mir auf dem Weg dorthin ja behilflich sein. Ich wagte es nicht, mich auf den Rücken des Esels zu setzen, sondern lud nur meinen Rucksack darauf. An einer Stelle war der Pfad durch ein Erdbeben verschüttet. Dort wies mir der Esel, der den Pfad wohl kannte, den Weg bis zu der Stelle, wo der Pfad wieder normal verlief.

Nach vier Stunden, die Augusthitze setzte mir doch etwas zu, fand ich einen Mönch, der erschöpft neben dem Pfad auf der Erde saß und mir auf Griechisch etwas zu murmelte, das wie „Boithise me parakalo“ klang. Das schien mir ein Hilferuf zu sein. Ich nannte ihm im Frageton den Namen des Klosters, zu dem hin ich unterwegs war. Da ging ein Leuchten über sein Gesicht. Also half ich ihm aufzustehen und lud sein Gepäck auf den Esel.


 

Der Mönch schien nicht sehr gesprächig zu sein, vielleicht litt er in der Hitze ja an Atemnot. Das einzige, was er, auf seine Brust deutend, noch sagte, war der Name Dimitrios. So gingen wir im Esels-Tempo schweigend zwei Stunden hinter einander her, bis wir das Kloster erreichten. Dort verschwand mein Weggenosse grußlos. Der Pförtner-Mönch jedoch führte mich zunächst in die Küche, wo er mir einen starken Griechischen Kaffee zubereitete.


 

Gegen Abend wurde ich im Gästeflügel in einem Schlafsaal untergebracht, in dem ich der einzige Gast war. Es war schon dunkel, da öffnete sich die Tür dieses Saales, und es erschien im Türrahmen mein Weggenosse. Schweigend blickte er zu mir hin, segnete mich und verschwand dann wieder.

Als ich am anderen Morgen aufbrach, kam er zur Pforte und schenkte mir seine selbst gebastelte Gebetskette. Diese Kette besitze ich heute noch und ich behüte sie auch nach über 60 Jahren immer noch als wertvolle Erinnerung an den schweigsamen Mönch, der mich damals gesegnet hat.


 

Mein ältester Sohn besuchte zusammen mit dem orthodoxen Bischof von Aachen vor drei Jahren den Athos. Dort erzählte er von meinem damaligen Erlebnis. Ich sandte ihm per E-Mail auf seine Bitte hin eine Ablichtung meines damaligen Diamonitirions. Und tatsächlich erinnerte sich einer der jetzigen regierenden Äbte noch an einen der Äbte, die mir damals den Besuch des Athos erlaubt hatten. An meinen Weggenossen Dimitrios konnte sich jedoch niemand mehr erinnern.

 

 

Mag Dimitrios auch sehr schweigsam gewesen sein; seine Gebetskette redet noch heute mit mir und damit doch auch er selbst.

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TANTE TRAUDCHEN aka GERTRUDE aka DE TANT FLÖCK

Gertrud, Tante Traudchen (unten rechts im Bild sitzend), eine Schwester meiner Großmutter mütterlicherseits, war ein Original. Sie war sehr klein, wohnte in Köln in der Straße „Auf dem Eigelstein“ und war glücklich verheiratet mit Johannes Esser (unten links im Bild sitzend), den wir Kinder „Onkel Puff“ nannten, da er in einem Stellwerk der „Puff-Puff-Eisenbahn“ am Kölner Hauptbahnhof arbeitete. Onkel Puff hatte eine eindrucksvoll hohe Stirn.

In ihrem Viertel nannte man Tante Traudchen „de Tant Flöck“, da sie alles ganz schnell erledigte. Ihre beiden Söhne, Onkel Heinz (hintere Reihe ganz links im Bild stehend) und Onkel Toni (hintere Reihe ganz rechts im Bild stehend) überragten sie um mehrere Haupteslängen. Den Heinz hat sie beim Einkaufen draußen auf dem Eigelstein „flöck“ (eilig, schnell, hurtig) zur Welt gebracht. In unserer Verwandtschaft wurde erzählt, sie sei sogar schon mit einem Stück Speck unterm Arm in der Kirche Sankt Ursula gesehen worden, während ihr Gebetbuch zu Hause in der Erbsensuppe köchelte. Da hatte alles sicher wieder einmal sehr schnell gehen müssen.

Auch wurde erzählt, dass ihre beiden Söhne sie des öfteren auf den Arm genommen, auf den Speicher getragen und dort eingesperrt hätten, wenn sie mit ihnen geschimpft hatte.

Unter ihrer Wohnung befand sich die Bäckerei Porschen, in der es leckeren Kuchen gab. Wenn in deren Laden Hochbetrieb herrschte, half Tante Traudchen dort, und wenn am Abend Kuchen übrig blieb, den Herr Porschen am nächsten Tag nicht mehr verkaufen konnte, durfte sich Tante Traudchen davon so viel mitnehmen, wie sie wollte. Die Torten stellte sie dann in ihrer kleinen Wohnung im Schlafzimmer unter die Betten.

Meine Mutter (zweite von links stehend im Bild) und wir Kinder besuchten Tante Traudchen öfter und konnten bei ihr immer so viel Kuchen essen, wie wir wollten. Ich sehe heute noch die hohen Betten mit vielen leckeren Torten darunter.

Ohne uns zu Hause abzumelden, besuchten meine Schwester mit meinem Bruder im Kinderwagen und ich eines Tages diese Torten, die 4 Kilometer weit von unserer Wohnung entfernt unter dem Bett von Tante Traudchen standen. Ich wusste, dass die Straßenbahnlinie 19 dorthin führte. An Weichen warteten wir jeweils so lange, bis eine 19 vorbeifuhr und uns den richtigen Weg zeigte.

Tortengang, ca. 1942

Das gab natürlich ein großes Trara in der Köln-Nippeser Krüthstraße. Der kleine Gedankenwandler (Bildmitte) und seine beiden Geschwister waren verschwunden. Stundenlanges Suchen war vergebens, bis jemand berichtete, er habe uns auf dem Eigelstein gesehen. Kuchen haben wir dort noch bekommen, dann aber wurden wir von unserer ganz aufgeregten, aber erleichterten Mutter abgeholt.

Das Schicksal meinte es nicht gut mit unserer Tante Traudchen. Bald schon zerstörte eine Sprengbombe ihre Wohnung und auch ihr Notquartier wurde kurze Zeit später durch Brandbomben vernichtet. Ihr Sohn Heinz fiel in Russland und Onkel Puff starb früh an einer Grippe.

Nach dem Krieg wohnte sie allein in dem Dorf Thenhoven nördlich von Köln. Auch mit 80 Jahren noch fuhr sie zu Weiberfastnacht mit dem Omnibus nach Köln und soll dort tanzend auf dem Eigelstein gesehen worden sein.

EINE GESCHICHTE FÜRS HERZ

„Die Geschichte ist zu persönlich. Die darfst du so nicht erzählen“, sagte mir eine Freundin der Protagonisten von SO ETWAS GIBT ES NOCH ! und brachte mich so ans Nachdenken. Also schreibe ich hiermit eine zweite, anonymisierte Version, meine aber, dass die erste und persönliche Fassung viel schöner ist.

Vielen jungen Menschen hatte die ehemalige Musiklehrerin mit ihrer „Musikalischen Früherziehung“ die Freude an der Musik vermittelt. Als sie 91 Jahre alt geworden war, wollte eine ehemalige Kollegin ihres verstorbenen Mannes ihr mit einem Ausflug in die Eifel eine Freude bereiten. Eine halbe Autofahrstunde entfernt probten Musiker in einem im Jugendstil gestalteten Kraftwerk für eine Kammerkonzertreihe, die sich „Spannungen“ nennt.

Es gelang den beiden Frauen, den Konzertsaal zu betreten und bei einer Probe zuzuhören. Als die Probe beendet war, sah der Pianist und Dirigent die Musiklehrerin in der großen Halle sitzen und erkannte in ihr die Frau, die ihm vor Jahrzehnten mit Hilfe eines Glockenspiels die ersten „Flötentöne“ beigebracht hatte. Er eilte erfreut auf sie zu, umarmte sie dankbar und bot ihr an, sogleich eine Komposition speziell für sie zu spielen. „Aber nicht auf einem Glockenspiel!“, bat die Musiklehrerin schelmisch.

Sodann erfreute der weithin bekannte Pianist seine ehemalige Lehrerin mit einem herrlichen Musikvortrag.

HEITERES KLAGEN

Wenn die Leistungen, mit denen man angeben kann, im Alter weniger werden, gibt man halt mit den Krankheiten an, die man sich so leistet und bei denen die Jugend nicht mithalten kann. Ein 81jähriger Lastwagen würde mehr klappern, als ich klappere. Aber das mit meiner Gesundheit hat ja dann doch immer wieder irgendwie geklappt. Besondere Erinnerungen habe ich an vier Krankenhausereignisse, von denen ich zum Leidwesen meiner Kinder und Enkel immer wieder gern erzähle.

LACHFOLGEN

Eine langwierige Krankheit habe ich mir selbst zuzuschreiben, da habe ich einmal zu viel gelacht habe.

Weil auch mehrere Fachärzte die Ursache für andauernde Schmerzen in meinem rechten Bauchraum nicht herausfanden, sollte mein Bauch in der Kölner Uniklinik 14 Tage vor dem Polterabend meines Freundes Hans aufgeschnitten werden. Da ich jedoch mit 39 Grad Fieber in der Klinik erschien, musste dort zunächst einmal meine Körpertemperatur gesenkt werden. Das nahm drei Tage in Anspruch. Eigentlich hätte ich den Polterabend daher nicht mehr mitfeiern können. Ich wollte aber feiern und ließ mich nach der Operation auf eigene Verantwortung mit noch nicht verheilten Nähten entlassen

Auf dem Polterabend wurde sehr viel gelacht. Da nutzte es auch nichts, dass ich beide Hände über die Bauchwunde hielt. Die Narben wurden durch meinen Leichtsinn später sehr breit und zerrten meine rechte Körperhälfte zur Seite. Das hielt ein Wirbel meines Rückens auf die Dauer nicht aus und verschliss vorzeitig, so dass sich ein Wirbelkanal hochgradig verengte. Dadurch wurde der Nerv, der für die Nachrichtenverbindung mit meinem rechten Bein zuständig ist, eingequetscht. Physiotherapeuten, Orthopäden und Krückstock-Fabrikanten erfreute das dann immer wieder.


 

DIE DREI STERBENSKRANKEN JUPPE

Gelacht wurde auch bei meinem Herz-Hinterwand-Infarkt. Nach Notarzt, Blaulicht, Herz-Katheder-Untersuchung usw. wurde ich am dritten Tag von einer Einzelzelle in einen Drei-Betten-Raum der Intensivstation verlegt. Ich stellte mich den beiden Mitleidenden dort vor..

„Ich ben och enen Jupp“ , sagte daraufhin der linke Bettnachbar. „ Un ich ben dä drette Jupp he“, teilte mir der rechte Nachbar mit. „Dann künne mer jo en Prozession maache. Hät einer vun Üch en Fahn?“, sagte ich. Alle drei lachten wir darauf hin herzhaft und laut. Deshalb kam eine Schwesternschülerin erbost in den Raum und schimpfte mit uns:“ Sind Sie wohl still! Sie sind sterbenskrank!“ Da wussten wir doch endlich Bescheid, wie es um uns stand.

 

EIN EIFRIGER POLITIKER

Sieben Tage nach einer Drüsentumor-Operation wartete ich im Vorraum eines OP auf einer fahrbaren Trage liegend darauf, dass mir die Fäden der Operationsnaht gezogen würden. Da schob man den Dürener Bürgermeister Josef Vosen in den Raum, der schon die erste Dämpfungsspritze für eine größere Operation erhalten hatte. Als er mich sah, lallte er benommen: „Herr Gedankenwandler, ich habe Ihnen eine erfreuliche Mitteilung zu machen: Der Minister Jochimsen hat mir gestern telefonisch, -isch tele…“ Da verstummte er und bald schon wurde er in den OP gefahren. Das war typisch für Jupp Vosen: arbeiten bis zur Vollnarkose.

 

MORSCHE KNOCHEN

Ich lag im Dürener Krankenhaus. Wegen furchtbarer Schmerzen im Rücken sollte mir der Orthopäde Dr. Barden dort rückenmarknahe Spritzen verabreichen. Da ich jedoch wegen einer überstandenen Ischämie normalerweise stets mein Blut verdünnen muss, musste Herr Barden 10 Tage lang mit seinem Eingriff warten, bis das Verdünnungsmittel in der Wirkung nachließ. Meine Schmerzen wurden immer stärker, und die normalen Schmerzmittel aus dem Tropf versagten, so dass man meinen Schmerz mit so starken Mitteln bekämpfen musste, dass eine Dauerkontrolle auf der Intensivstation notwendig wurde. Da lag ich nun, angeschlossen an viele Drähte und Schläuche und wartete darauf, dass ich endlich in den sterilen Spritzen-Raum gefahren würde. Ich nutzte die Zeit, um ein Gedicht über meine Lage zu verfassen. Es hatte folgenden Wortlaut:

Nach langem Suchen und auch Forschen

an morschen und erkrankten Knochen

fanden Mediziner ´raus,

wie man besiegt der Schmerzen Graus.

Den Spritzen-Saal will ich besingen,

der Schmerzfreiheit kann vielen bringen.

Herr Barden spritzt dort mit Behagen,

wenn andre Mittelchen versagen.

Mit 50 Milliliter Saft

bei manchen Kranken er es schafft,

dass schmerzfrei sie den Saal verlassen.

Das freut dann auch die Krankenkassen.

Unsre Herrgott soll mer gevve

noch nen Püngel pingfrei Levve.

Gev däm Barden räuhige Häng!

Su, jetz es dat Leed am Eng.

Diese Gedicht schenkte ich Herrn Dr. Barden später zum Dank. Postskriptum zum Ausdruck „Leed“ in der letzten Zeile des Gedichtes: Gemeint ist hier das hochdeutsche Wort „Lied“. „Leet“ müsste man schreiben, wenn man das Wort „ließ“ , das im Dialekt gleich gesprochen wird, meint. Außerdem kann auch noch das „Leid“ und das „Licht“ damit gemeint sein. Die Aussprache ist jeweils nur geringfügig anders. Der Sinn wird jeweils aus dem Zusammenhang heraus sichtbar.

EINBRUCH IM SCHLOSS

Meine Frau und ich verwahrten in Lothringen für ein paar Tage das barocke Haus von französischen Freunden. Die kulturellen Schätze der Umgebung im Umkreis von 50 Kilometern hatten wir bereits in vielen Jahren kennen gelernt. Da gab es jedoch in 10 Kilometer Entfernung in einem Dorf ein großes Schloss mit vier mächtigen Ecktürmen, das wir noch nicht kannten. „Streng privat!“ stand auf den Schildern zu dessen Park.

Als unsere Freunde aus ihren Ferien zurückgekommen waren, fragte ich sie nach den Besitzern dieses Schlosses. „Die kennen wir gut, wir sprechen fast in jeder Woche miteinander. Der Besitzer kann aber Deutsche nicht leiden. Er hat 1939 als französischer Spion in Deutschland gearbeitet. Wollt ihr das Schloss einmal besichtigen? Ich frage gern einmal nach. Fragen kostet doch nichts.“

Also rief unsere Freundin an und erhielt eine Einladung für uns. „Ingrid, geh in den Garten und schneide Blumen für einen Strauß! Camille, hol uns eine gute Flasche Wein aus dem Keller, der Alte weiß so etwas zu schätzen.! Jupp, schnapp dir deine Gitarre!“, befahl sie und bald schon fuhren wir los.

Die Dame des Hauses empfing uns am Portal und führte uns in einen Salon, der sieben Meter hoch war. An einer Seite des Raumes befand sich ein riesiger Kamin und gegenüber in Höhe der ersten Etage ein Balkon, der in den Raum hineinragte. Wir begrüßten den Hausherrn und nahmen die Einladung an, es uns in großen ledernen Fauteuils bequem zu machen. Nachdem die ersten Höflichkeiten ausgetauscht waren, fragte ich nach dem Sinn des seltsamen Balkons und erfuhr, dass dies in alter Zeit der Platz für eine Magd war, die als Vestalin und Rauchmelder für das Feuer im Kamin zuständig war.

Bald schon wurde ich vom Hausherrn gebeten, ein Lied auf der Gitarre zu spielen. Ob ich das Lied „Vor der Kaserne“ kännte, fragte er mich. Er sang es kräftig mit und wechselte danach in der Unterhaltung vom Französischen ins Deutsche.

Nach einer Stunde, in der ich noch mehrere deutsche Lieder spielen musste, wollten wir aufbrechen.

Zaghaft fragte ich, ob ich den originellen Balkon fotografieren dürfe. „Selbstverständlich“, antwortete der Hausherr, schaltete noch mehrere Lampen an und fragte uns dabei, ob wir auch Interesse daran hätten, den berühmten Napoleon-Salon des Schlosses zu besichtigen. Wir sagten neugierig zu.

Durch schwach beleuchtete Gänge, deren Seidentapeten zum Teil feucht und voll Schimmel waren, gelangten wir in einen großen Raum, in dem unter anderem vier Vasen von Émil Gallé standen.

Herr J. nahm eine davon in seine Hände und ließ sie zum Scherz ein Stück abwärts gleiten. Jede diese Vasen war wohl, wie ich später zu Hause erfuhr, ca. 600.000 Franc wert.

Dann begleiteten uns Herr und Frau J. zum Ausgang, standen nebeneinander auf der Schlosstreppe und winkten uns zum Abschied zu.

„ So habe ich die beiden noch nie zusammenstehen gesehen“, bemerkte unsere Freundin auf der Rückfahrt. „Und habt ihr die verfaulten Tapeten gesehen? Die beiden leben von Oktober bis Mai immer in Nizza. In dieser Zeit ist das Schloss abgeschlossen und nicht beheizt, daher die Feuchtigkeit.“

„Wie sichern sie in dieser Zeit denn die Kunstschätze?“, fragte ich, da ich gesehen hatte, dass die barocken Fenster nur durch einfache Drehriegel verschlossen waren. „Die Vasen verstecken sie im Heizungskeller unter dem Koks“, klärte uns unsere Freundin auf.

Eine Woche später, wir waren schon wieder zu Hause, rief uns mein Freund Camille an und fragte, ob wir die Aufnahmen aus dem Schloss schon hätten entwickeln lassen; dort sei eingebrochen worden; alle Gallé-Vasen seien gestohlen worden. Der Schlossherr besitze keine Fotografien der Vasen. Die Pariser Polizei habe, da dies ein größerer Fall sei, die Spurensuche der regionalen Polizei abgenommen. Ich sandte die Bilder sofort nach Lothringen. Drei Tage später rief mein Freund noch einmal an. Er teilte uns mit, die Polizei benötige unbedingt die Negative meiner Aufnahmen.

Da ich am nächsten Tag sowieso etwas in Straßburg zu erledigen hatte, fuhr ich einen Umweg und brachte die Negative nach Lothringen. Folgendes brachte ich da in Erfahrung: Die Polizei hatte zunächst den Schlossherrn in Verdacht, weil sie einen Versicherungsbetrug vermutete. Diesen Verdacht konnte sie jedoch schnell fallenlassen; denn im Jahr vorher war in diesem Schloss schon einmal eingebrochen worden. Dabei waren eine Mitra und ein Abtsstab gestohlen worden. Die Versicherung hatte damals verlangt, dass Herr J. die Fenster innerhalb von drei Monaten besser absichere. Das hatte Herr J. nicht getan, und so wurde ihm seine Einbruchversicherung gekündigt. Da sich die französischen Versicherungen über solche Fälle gegenseitig zu informieren pflegen, fand Herr J. außer einer Hausratsversicherung über 30.000 Franc keine neue Versicherung.

Eines hat mich damals bei diesem Erlebnis verwundert: Da kommt ein Fremder in ein Schloss, fotografiert vier Gallé-Vasen, und nach wenigen Tagen werden diese vier Vasen bei einem Einbruch gestohlen. Den Fremden jedoch hat niemand in Verdacht.

20 Jahre später habe ich erfahren, dass der Sohn der Familie sofort in Verdacht geraten war, da er hohe Spielschulden hatte.

Etwas Gutes hat die ganze Geschichte gehabt: Neugierig geworden auf den Jugend-Stil, besuchte ich bald darauf das Musee de l’Ecole de Nancy und konnte dort viele Kunstwerke des Jugend-Stils bewundern. Seitdem weiß ich diesen Stil besonders zu schätzen.

24.Mai 2017 – JOHANNES BESGEN IST GESTORBEN

Da stand in dieser Woche in einer Aachener Zeitung, dass der Vater von Finanzminister Schäuble als Katholik exkommuniziert worden ist, weil er es erlaubte, dass sein Sohn von der evangelischen Mutter evangelisch erzogen wurde. Das Bistum Freiburg verhinderte aus diesem Grund mit seinem Einspruch sogar, dass Schäubles Vater Bürgermeister einer Stadt werden durfte.

Wie sehr da manches doch in unserer Zeit viel christlicher abläuft, erlebte ich vor einigen Jahren in einer Osternacht in Untermaubach: Der Pfarrer, Johannes Besgen, hatte am Osterfeuer die  Osterkerze angezündet und betrat mit ihr die dunkle Kirche, stimmte nach den Regeln der Osternachtliturgie dort das erste „Lumen Christi“ an und zog dann ca. fünf Meter weiter. Da sah er meinen evangelischen Enkel Henrik, der zusammen mit seiner evangelischen Mutter und seinem katholischen Vater den Osternachtgottesdienst in der katholischen Kirche besuchte. Henrik war eine Woche vorher evangelisch konfirmiert worden. Pastor Besgen unterbrach die Zeremonie, reichte Henrik die Hand und sagte: „Henrik, nachträglich herzlichen Glückwunsch zu deiner Konfirmation.“ Dann stimmte er nach den liturgischen Regeln in höherer Tonlage das zweite „Lumen Christi“ an. Nach dem dritten „Lumen Christi“, das zum Zeichen der Freude noch etwas höher gesungen wird, stellte er die Osterkerze im Altarraum auf den Osterleuchter.

Am 24. Mai 2017 ist Johannes Besgen gestorben und kann jetzt im Himmel das Lumen Christi für immer wahrnehmen. Ich danke Gott, dass er uns Johannes Besgen geschenkt hat.

EIN SELTSAMER ZUFALL

Eine Woche nachdem ich den oben stehenden Text zum Gedenken an Johannes Besgen geschrieben habe, haben dessen Verwandte in einer Anzeige in den hiesigen Zeitungen seinen Tod bekannt gegeben. Am Ende dieser Anzeige heißt es: „ Anstelle von zugedachten Blumen und Kränzen bitten wir um einen Beitrag für zwei OSTERLEUCHTER für die Pfarrkirchen St. Apollinaris und St. Brigida.“

Der Osterleuchter mit seiner großen Osterkerze steht das ganze Kirchenjahr hindurch wie eine Siegessäule im Altarraum und wird zu jeder Eucharistiefeier angezündet.

LINDENBLÜTENBLÄTTERTEE


Als Kind zuckte ich jedesmal extrem stark zusammen, wenn bei einem Fliegerangriff auf Köln eine Bombe in der Nähe unseres Hauses explodierte. Besonders oft und arg geschah dies zum Beispiel bei den großen Angriffen vom 30.Mai 1942 und vom 29.Juni 1943. Bei letzterem traf eine Luftmine auch das Haus, in dem sich bis dahin unsere Wohnung befunden hatte.

 

 

Nun hat die Natur dafür gesorgt, dass unsere Psyche auch solche Erlebnisse verarbeiten kann. Im Alter jedoch lässt diese Verarbeitungskraft nach, und die Folgen werden wieder sichtbar. So zuckte ich seit einiger Zeit jedesmal zusammen und rief laut „Hepp!“ wenn ein stärkeres Geräusch plötzlich einsetzte.

Als ich dann einmal in einem Großraumwagen der Bahn saß und der Zug plötzlich bremste, zuckte ich zusammen und rief so laut „Hepp!“ , dass die meisten anderen Fahrgäste amüsiert zu mir hinblickten. Da meinte meine Frau als Psychologin, das werde ja immer peinlicher und ich müsse mich wegen dieser posttraumatischen Belastungsstörung nun doch einmal in psychotherapeutische Behandlung begeben.

Das wollte ich mir jedoch ersparen und versuchte zunächst mein lautes „Hepp“-Rufen systematisch zu unterbinden. Wenn ich statt des kurzen und harten Wortes „Hepp“ ein längeres und weicher klingendes Wort wählen würde, müsste ich ja selbst über meine Reaktion lächeln. Gedacht, getan! Ich wählte dazu das Wort „Linden-Blütenblätter-Tee“. Das funktionierte zunächst noch selten, dann aber immer öfter. Schließlich fand ich meine Reaktion selbst so verrückt, dass ich sie meistens ganz unterdrücken konnte.

Als mir nach einem halben Jahr noch einmal beim Klingeln der Hausschelle ein lautes „Hepp“ entwich, sagte mein fünfjähriger Enkel schelmisch lächeln zu mir: „Opi, Lindenblütenblättertee!“

Das Zucken ist seit meiner Selbstbehandlung zwar auch seltener geworden; immer noch muss ich meine Ärzte warnen, wenn sie mit scharfen Geräten an und in mir arbeiten. Das säh ja auch schlecht aus, wenn ein Zahnarzt-Bohrer eine meiner Wangen durchstäche.

 

LAACHE EM BICHSTOHL

Manche Lück han et nüdig zo strunze. Su gitt et welche, die koufen sich em Möbel-Lade drei Meter Boch-Rögge för et Böcher-Schaaf.. Domet nu keiner meinten, ich wör och su enen Strunzbüggel, hat ich vür fuffzig Johr medden en ming „Goethes gesammelte Werke“ enen Gadezwerch gestallt, dä naturlich Goethe heeß. Unsere Klein, dä Gereon, kunnt dat G noch nit usspreche, för in wor dat dä „Döhte“.

Koot ieh unsere zweite Jung op de Welt kom, wollt ming Frau noch ens bichte gon. Als se noh vier Stund immer noch nit zoröck kom, maht ich meer Sorge, packten deshalv dä Gereon en singe Kinderwage un fuhr met im no Zint Kunebäät.

En dem Moment, wo ich met däm Gereönche en die Kirch erenkom, kneeten ming Frau grad em Bichstohl un wolt anfange zo bichte.

Direck am Engang vun Zint Kunebäät stund enen fresch restaureete Judas Thadäus, un och die andere Hellige-Figure woren all fresch gefärv. Als unsere kleine Gereon dä Judas Thadäus un die andere Hellige nu soch, reef hä ganz laut en die Kirch eren: „Papa, da, Döhte!! Papa, kuck emal, danz viele Döhtes!“

Ming Frau hoot dat, fing an ze laache, kräht sich nit mieh en un ging direcktemang us däm Bichstohl erus. Se kunnt däm Pastur die verröckte Saach met däm Goethe jo schlääch verzälle. Em Gang kom se laachend op uns zo, un unsere Gereon reef och ihr jetz ganz begeistert zo: „Mama, kuck emal, danz viele Döhtes!“

För dä Pastur moht do woll der Düvel sing Hand en Spell gehat han. Anders kunnt hä sich dat Laache un dat Fottloufe vun minger Frau nit erkläre. Wat mag dä woll andere dorüvver verzallt han?

Dat alles es em Juli 1964 esu passeert. Villeich es jo noch einer vun denne am levve, denne dä Pastur domols sing Version vun dä Saach verzallt hät. Et wör ganz schön, wenn dä sich melde wöhd.

LACHKRAMPF IM BEICHTSTUHL

Damit nicht jeder sofort sah, dass ich Germanistik studiert hatte und Goethe sehr schätzte, ordnete ich in unserem Bücherregal einen Teil von „Goethes gesammelten Werken“ so an, dass sie einen horizontalen Bogen bildeten. Ins Zentrum dieses Bogens stellte ich auf ein kleines Podest einen Gartenzwerg, den wir Goethe nannten. Unser Sohn Gereon konnte im Alter von einem Jahr und acht Monaten schon gut sprechen, den Laut „G“ beherrschte er jedoch noch nicht und nannte unseren Gartenzwerg deshalb „Döhte“.

Als meine Frau kurz vor der Geburt unseres zweiten Sohnes noch einmal zur Beichte gegangen war, kam sie nach vier Stunden immer noch nicht zurück. So viele Sünden konnte sie doch gar nicht begangen haben. Ich war besorgt, packte Gereon in seinen Kinderwagen und fuhr mit ihm zu unserer Kirche.

Meine Frau hatte deshalb dort so lange warten müssen, weil der Pfarrer seine Arbeit für die Einnahme seines gewohnten Nachmittagkaffees unterbrochen hatte. In dem Augenblick, in dem Gereon und ich in das Kirchengebäude kamen, kniete sie gerade im Beichtstuhl und wollte mit ihrem Sündenbekenntnis beginnen.

Da am Eingang der Kirche ein frisch restaurierter Judas Thadäus stand und im Kirchenschiff weitere Heiligenfiguren in Gartenzwergfarben, rief Gereon begeistert in die Kirche hinein: „Pappa, da, Döhte! Oh! Pappa, kuck emal, danz viele Döhtes!“ Das hallte laut durch das ganze Kircheschiff.

Meine Frau hörte dies, erkannte, wer da so begeistert „Döhte“ schrie und bekam einen Lachkrampf.

Sie konnte dem Pfarrer den Grund für ihr herzhaftes Lachen nicht erklären, das wäre doch zu kompliziert gewesen. Deshalb stand sie auf, verließ lachend den Beichtstuhl und kam uns lachend entgegen. „Mama, da danz viele Döhtes!“ rief Gereon ihr zu.

Für den Pfarrer muss da wohl der Teufel seine Hand im Spiel gehabt haben. Anders konnte er sich das Lachen dieses Beichtkindes und dessen Flucht aus dem Beichtstuhl nicht erkären. Was mag er anderen nachher über dieses Ereignis erzählt haben?

DINGE, DIE GESCHICHTEN ERZÄHLEN.

 

Die Dinge singen hör ich so gern.

(Rainer Maria Rilke)

 

Schläft ein Lied in allen Dingen,

Die da träumen fort und fort,

Und die Welt hebt an zu singen,

Triffst du nur das Zauberwort.

(Joseph von Eichendorff)

 

Wir können mit unseren Definitionen die Dinge nicht voll erfassen. Wenn wir uns ihnen jedoch mit einer Wünschelrute nähern, können wir sie singen hören. Und dann erzählen sie uns manchmal ihre Geschichten und öffnen uns ihre Bedeutungshöfe.

Da gibt es zum Beispiel unseren Wohnraum mit seiner talseitigen Fensterwand. Durch diese Fenster glitzert manchmal die Rur zu uns herauf, während von oben die Berge der Mausauel auf uns herabblicken. Dieser Wohnraum hat schon sehr viel Schönes erlebt. In ihm existieren unter anderem auch  folgende Dinge: Ein Kerzenleuchter, ein großer runder Tisch, ein verdorrter Baum und ein Beichtstuhl. Wenn ich in meinem Sessel sitze und die Abendruhe genieße, wird die Geschichte dieser Dinge manchmal lebendig.

 

Der KERZENLEUCHTER erinnert mich da an folgende Geschichte:

Mein Freund Camille und ich boten auf einem Flohmarkt im lothringischen Ort Oberdorff  „Altertümer“ an. Am Stand uns gegenüber lag auf einem Tapetentisch ein schöner alter Nachtleuchter im Stil der Lampe des Darmol-Mannes. Dieser sollte laut Preisschild  1 Euro kosten. Nun ist es auf Flohmärkten ja üblich, dass man als Käufer versucht, den geforderten Preis herabzudrücken. Weshalb sollte man es nicht einmal  herumgedreht machen, dachte ich und bot 2 Euro dafür. „Der kostet nur 1 Euro“, sagte die Verkäuferin. „Gut“, sagte ich, ,,dann gebe ich eben 3 Euro.“  Sie nahm das Geld und schüttelte dabei den Kopf über meine Dummheit. Dann stellte ich den Leuchter zu unseren anderen Schätzen und versah ihn mit einem Preisschild, auf dem „5 Euro“ stand. Wir verkauften dann noch eine alte Geige, einen Bauernstuhl, einen Vélo-Solex-Fahrrad-Hilfsmotor, einen kupfernen Wasserkessel und etliche alte Gebetbücher. Den Leuchter jedoch wollte niemand erwerben, und so landete dieser dann in unserem Wohnzimmer, leuchtet dort in ruhigen Stunden vor sich hin und erinnert mich an meinen verstorbenen Freund Camille.

 

Die Geschichte, die von unserem TISCH erzählt, ist etwas umfangreicher.

Die Idee unseres Tisches existierte lange vor seiner Realität. Da plante ich den Bau unseres Hauses. Und dieser Plan begann mit einem großen runden Tisch, an dem niemand sichtbar präsentieren konnte. Um diesen Tisch standen dann 12 Stühle. Dieses Ensemble benötigte auch noch so etwas wie ein Sideboard, auf dem man etwas abstellen konnte, einen Schrank für Gläser und auch für Bücher, für den Fall, dass man schnell etwas nachschlagen wollte. Zum Haus gehörten auch noch ein Studierzimmer mit Schreibtisch und Bibliothek, eine Küche, ein Badezimmer, zwei Toiletten und mehrere Schlafräume. Das war´s dann. Vergessen hatte ich bei meinem Traum eine Waschküche, einen Vorratsraum und ein Musikzimmer. – Am wichtigsten war mir der runde Tisch als Zentrum des Hauses.

Nach drei Jahren bauten wir unser Haus, natürlich auch mit den Räumen, die ich im ersten Plan vergessen hatte. Da war kein Geld mehr für eine neue Möblierung vorhanden. Als Tisch diente weiter der Coutch-Tisch mit rechteckiger Tischplatte, den meine Eltern einst ausrangiert hatten. Es dauerte weitere Jahre, bis wir genügend Geld für meinen Traum-Tisch zusammengespart hatten, denn drei Söhne mussten von einem Gehalt ernährt, gekleidet und gebildet werden. In keinem Möbelladen fanden wir jedoch einen Tisch in der gewünschten Größe. Schließlich besuchten wir einen Tischler in der Stadt Düren. Dieser sagte uns: „Ich kann ihnen einen Tisch in dieser Größe gerne schreinern, aber bedenken Sie, der wird wohl für einen normalen Wohnraum zu groß sein. Ich gebe ihnen einen Rat: Besorgen sie sich ein großes Stück Pappe, schneiden es rund, legen es auf ihren alten Tisch, legen sie eine Tischdecke darauf und überprüfen sie das Raumbild, das so entsteht.“ Diesen Rat befolgten wir mit Hilfe einer Pappe, die wir von der Verpackung einer Tennisplatte aufgehoben hatten. Das sah wunderbar aus. Voller Begeisterung luden wir sofort acht Freunde aus unserem Dorf ein zu einer Einweihungsfeier unseres Papptisches. Da die Geschäfte schon geschlossen hatten, versuchte ich, selbst Salzstangen zu backen. Heraus kamen dabei allerdings nur seltsam geformte Kloben. Sie haben allen gut geschmeckt. Einer unserer Freunde war bekannt dafür, dass er zur Bekräftigung seiner Rede gerne mit der Faust auf den Tisch schlug. Ihn warnten wir vorab. Es gelang ihm auch, das ganze Fest hindurch seine Kräfte zu bezähmen. (Jahrzehnte später erwähnte ich bei meiner Ansprache anlässlich seines Beerdigungsgottesdienstes in der Dürener Christuskirche, dass er Ecken und Kanten gehabt habe. Damit hatte ich jedoch andere seiner Eigenarten gemeint.)

Da das angesparte Geld für unsere Familienferien in einer Jugendherberge dringend benötigt wurde, blieb der Tisch mit seiner Papplatte noch zwei Jahre bestehen. Wenn unsere Kinder Freunde einluden, wurden auch diese stets gebeten, nichts auf den Tischrändern abzusetzen. Manche hockten sich daraufhin auf den Boden und schauten sich unseren Tisch von unten an.

Und dann hatten wir großes Glück: Ein Schwertransporter setze in Düren ohne Absicherung zurück und zerbeulte die vordere Klappe unseres VW-Käfers. 350 DM bekamen wir dafür von der Versicherung des Fahrers. Statt jedoch eine neue Klappe einbauen zu lassen, beulte ich die alte notdürftig aus. Für das Geld erwarben wir in einem großen Kölner Möbelgeschäft einen massiven runden Tisch, der tatsächlich die erträumte Größe besaß. Er war nur zu hoch für unseren Wohnraum. – Also mussten die Beine verkürzt werden. Nun weiß jeder, dass dabei oft eine wacklige  Sache herauskommt. Ein befreundeter Handwerker band die vier Tischbeine zusammen und sägte sie erfolgreich mit einem Schnitt gleichmäßig kürzer.

Wunderbar sah unser Tisch so aus und entfaltete eine seltsam magische Wirkung. Er hat viele, viele Freunde um sich versammelt. Die Maßnahmen von drei erfolgreichen Bürgerinitiativen wurden an ihm geplant. Viele Schülergruppen lernten den Tisch kennen. Viele Gottesdienste feierten wir mit einer Basisgemeinde an diesem Tisch. 10 Jahre lang trafen wir uns mit dieser Gruppe auch zur gemeinsamen Weihnachtsfeier an diesem Tisch, wobei die Freunde auch eigene Gäste mitbringen konnten. Mit anderen Freunden trafen wir uns zum Singen von Frühlingsliedern und saßen dabei um diesen Tisch herum. Für unsere Großfamilie wurde der Tisch zu einem Zentrum für viele Feiern. Besonders anrührend war, dass sich unser Kater Beethoven stets bei diesen Runden dazu hockte, sobald jemand seinen Stuhl für kurze Zeit verließ. Sein todkranker Nachfolger Maurice tat dies auch noch am Vorabend seines Sterbens. Besonders auffällig war die magische Kraft, mit der der Tisch immer wieder Kinder dazu bewegte, um ihn herum zu tanzen.

Schließlich hatte die 4 cm dicke Tischplatte so viele Kratzer und Rillen, dass der Tisch nicht mehr so schön wie früher aussah. Deshalb wollte ich  die Platte abschleifen lassen. Und obwohl die Mutter des Hauses meinte, diese Spuren zeugten doch vom reichen Leben dieses Tisches, ließen wir ihn dann doch von einem Schreiner abschleifen, was nur mit Handarbeit möglich war, da die Platte für Maschinen zu groß war. Für diese Prozedur mussten wir 175 Euro bezahlen, was dem ursprünglichen Kaufpreis von 349 DM entsprach. Seitdem können wir tagtäglich wieder die schöne Maserung des Holzes genießen. Unser Wunsch ist es, dass wir zusammen mit unseren Kindern, Enkeln, Urenkeln und Verwandten und Freunden noch viele Jahre an diesem Tisch sitzen dürfen.

Zum Schluss noch ein meditatives Gedankenspiel zur magischen Kraft, die in diesem Tisch wirksam ist: Unsere Galaxie dreht sich  mit anderen Galaxien um einen Mittelpunkt. Unsere Sonne dreht sich um eine Mitte unserer Galaxie. Unsere kugelförmige Erde dreht sich um die Sonne. Unser Talkessel, an dessen Rand wir auf halber Höhe wohnen, ist geborgen durch die Berge, die ihn rundum begrenzen.. Auf unserem Tisch liegt im Zentrum eine runde Bastmatte, auf der eine kugelförmige Vase steht, aus der Blüten  himmelwärts emporragen. Und das alles schwingt schweigend  miteinander, geleitet von unsichtbaren Kräften. Jeder Magier weiß um die Kraft dieser schwingenden Kreise.  König Artus versammelte sich wohl deshalb mit seinen Freunden um eine runde Tafel, und auch der Gral soll  rund sein. In der Kathedrale zu Chartres lädt auf den Bodenplatten ein Labyrinth dazu ein, in Kreisen auf eine Mitte hin zu tanzen und so zu sich selbst zu finden.

 

Die VERDORTE FICHTE erzählt eine Geschichte, die vor 54 Jahren begann.

1963 wohnten wir in der Kölner Altstadt im dritten Stock eines Hauses und hatten zwar einen schönen Ausblick auf den Rhein, mussten unsere Räume jedoch mit Kohle-Öfen heizen. Da ich noch Referendar war, Ingrid unseren Gereon versorgen musste und wir nach Abzug von Miete, Krankenkasse und Monatsfahrkarte nur 100 DM zum Leben hatten, mussten wir an allen Enden sparen.

Als unser Weihnachtsbaum zu nadeln begann, schnitt ich dessen Äste ab und benutzte sie als sparsamer Hausvater als Brennmaterial. Übrig blieb der Stamm. Zum Scherz befestigte ich die Kerzen daran und zündete sie an. Als Ingrid das Zimmer betrat, war sie begeistert und sagte, dies sei doch eine schöne moderne Lichtplastik, die wir stehen lassen sollten. Zu Karneval hängten wir drei Wochen später Luftschlangen daran, zu Ostern gefärbte Eier. So wuchs unser Baum allmählich zu einem schönen Jahresbaum heran. Heiligabend stellten wir dann einen frischen Baum ins Zimmer, der  mit seinem Duft  doch eine weihnachtlichere Stimmung brachte als der alte dürre Stamm, den ich in Stücke sägte und verheizte.

Als der neue Baum zu nadeln begann, wurde er wie sein Vorgänger behandelt und wuchs auch wieder zu einem Jahresbaum heran. So ging das bis zum Sommer 1965, da zogen wir um nach Untermaubach und nahmen den dürren geschmückten Baumstamm zur Verwunderung des Spediteurs im Umzugswagen mit.

Auch in Untermaubach setzten wir unseren Jahresbaum-Brauch fort. Als wir dann nach Obermaubach umzogen, sollte der Umzug laut Spediteur 960 DM kosten. Ich schlug einer Klasse von Primanern vor, sich dieses Geld für ihre Klassenkasse zu verdienen und mit Erlaubnis der Eltern diesen Umzug selbst zu organisieren. Auch die Eltern waren von dieser Idee begeistert und waren bereit, Wagen zur Verfügung zu stellen. Darunter waren zwei Lastwagen und ein Tieflader. Der Umzug sollte im Prozessions-Tempo vor sich gehen, und auf dem Tieflader sollte nur der Weihnachts- , Karnevals- Oster-Baum stehen. Ingrid meinte zu Recht, dann würden wir im neuen Wohnort doch direkt als Verrückte eingeordnet. Da unser alter Vermieter dann jedoch gerichtlich zur Bezahlung der Umzugskosten verurteilt wurde, zerschlug sich die ganze Idee schließlich.

Jahr für Jahr pflegten wir unseren Baum-Brauch weiter. Eine Schülergruppe hängte an einem Jahr 1. November noch drei kleine Gerippchen aus Plastik an den Baum, die ab da zum obligatorischen Schmuck dazu gehörten.

Im Dezember 2016 teilte ich dem WDR mit, wenn die Zeit zum Entsorgen der Weihnachtsbäume nahe, böte sich ein Sendebeitrag über unseren Jahresbaum an. Ich erhielt jedoch keine Antwort auf mein Angebot. Da ich seit 1976 die Bäume aus unserem Garten bezog, sägte ich Heiligabend auch wieder die Spitze einer Fichte ab. Ingrid meinte jedoch, dass der alte Baum dieses Mal so schön sei, dass wir ihn noch etwas länger stehen lassen sollten. Man müsse Rituale auch einmal ändern können. So hatten wir also zum Weihnachtsfest 2016  zwei Weihnachtsbäume, einen saftigen auf dem Balkon und einen schönen geschmückten dürren im Wohnraum.

Am 9. Januar, die offiziellen kommunalen Weihnachtsbaumentsorgungsaktionen hatten schon begonnen, meldete sich der WDR bei uns und wollte unseren Baum besichtigen. Hätte Ingrid den alten Baum nicht als so schön empfunden, wäre also nichts Besonderes zum Zeigen mehr da gewesen. So aber rückte dann ein Übertragungsteam des WDR an und nahm drei Stunden lang Material für einen Sendebeitrag über unseren Jahresbaum auf. Der Beitrag wurde noch am gleichen Tag am Ende der Sendung „Lokalzeit Aachen“ vor dem Wetterbericht gezeigt. Die Wirkung war enorm, von vielen Freunden und Bekannten wurden wir auf die Sendung angesprochen. Einige Freunde fanden uns  sogar durch diese Sendung nach Jahren wieder. Als der Beitrag nach einer Woche auch von der „Lokalzeit aus Bonn“ gesendet wurde, riefen uns auch aus diesem Sendebereich des WDR alte Freunde erfreut an.

Der abschließende Satz der Sendung bietet sich auch als Abschluss für diese Erzählung an. Er lautete: Das Ganze ist verrückt, aber sympathisch verrückt.

 

Der BEICHT-STUHL 

Im vorigen Jahrhundert trafen sich Jugendliche manchmal in Jugendherbergen zu sogenannten Einkehrtagen. Diese wurden in der Regel von Priestern geleitet und sollten zu einer Besinnung über das Woher und Wohin des eigenen Lebens führen. Am Ende dieser Tage konnten die Teilnehmer schließlich auch ihre Fehler bereuen und beichten.

Mein Freund Herbert war Jugendherbergsvater und leitete mit seiner Frau Cläre zusammen eine Herberge im Sauerland. Auch in seiner Herberge trafen sich viele Gruppen zu Besinnungstagen. Damit die in der Regel verbundenen Beichten ordnungsmäßig stattfinden konnten, erwarb Herbert einen antiken Betstuhl, aus dem man ein hölzernes Gitter hochziehen und mit zwei kleinen Holzkeilen arretieren konnte.

Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde die Gewohnheit, in Beichtstühlen zu beichten, vielfach durch Beichtgespräche abgelöst, bei denen sich Priester und Beichtender offen gegenüber saßen. Und so kam der Beichtstuhl schließlich zum Gerümpel und sollte irgendwann als Feuerholz für ein abendliches Lagerfeuer benutzt werden. Ich bat Herbert darum, den Beichtstuhl nicht kleinzusägen, sondern ihn zu verwahren, bis ich einmal ein eigenes Auto besäße und ihn abholen könne. Das dauerte nun mehrere Jahre. Schließlich jedoch klappte es. ab. Zu Hause stellte ich ihn zunächst in der Garage ab, da ich die vielen Wurmlöcher an ihm behandeln wollte, ehe ich ihn ins Haus trug.

Und dann besuchte uns am nächsten Tag der Pfarrer aus Untermaubach und klagte unter anderem darüber, dass er Probleme mit der Durchführung der Osterbeichten habe. Die Untermaubacher Kirche sollte eine Fußbodenheizung bekommen. Deshalb wurden die Bänke und die beiden großen Beichtstühle ausgeräumt. In der Zwischenzeit fanden die Gottesdienste in einem großen Raum im Bergfried der Untermaubacher Burg statt. Da man aber beim Ausschachten in der Kirche auf einen mittelalterlichen Kalkbrennofen stieß, ordnete das Denkmalpflegeamt einen Baustopp an, damit alle Grabungen ausgewertet werden konnten. Wir halfen dem Pfarrer und boten ihm leihweise unseren kleinen Beichtstuhl an. Damit die Beichtenden nicht erkannt werden konnten, befestigte meine Frau eine alte Tüll-Gardine ihrer Mutter mit sechs Heftzwecken an dem Gitter des Beichtstuhls. Schon am nächsten Morgen kamen zwei Männer mit einem Lastwagen und holten den Beichtstuhl ab. Als die Kirche dann nach 8 Wochen wieder benutzt werden konnte, wurden die beiden kleiderschrankgroßen Beichtstühle, die immer so viel Platz weggenommen hatten, nicht mehr in die Kirche zurückgestellt, sondern zersägt und entsorgt. Stattdessen stellte der Pfarrer unseren kleinen Beichtstuhl mit seiner Tüll-Gardine in die Kirche. Über 10 Jahre lang wurden wieder Sünden auf ihm bekannt.

Als wir eines Tages Freunden davon erzählten, meinten diese scherzhaft, wir müssten dann doch ein kleines Schild an diesem Beichtstuhl anbringen, etwa mit dem Text „Hier beichten Sie auf einem Beichtstuhl der Familie Blum.“ Auf jeden Fall müssten wir jedoch juristisch fixieren, dass dies unser Beichtstuhl sei. Der Zufall wollte es, dass uns der Untermaubacher Pfarrer am nächsten Tag wieder einmal besuchte. Da er Humor vertragen konnte, erzählten wir ihm, was unsere Freunde uns geraten hatten. Als wir am Tag darauf von einem Einkauf nach Hause kamen und unser Auto in der Garage abstellen wollten, stand dort unser Beichtstuhl. Wir trugen ihn in unseren Wohnraum, wo er seitdem als Blumenbank Verwendung findet.

 

Die BÜCHERWAND  

Auf den typischen Portrait-Aufnahmen von Gelehrten steht der Portraitierte in der Regel vor einer Bücherwand. Die vielen Bücher im Hintergrund sollen dabei wohl auf die Inhaltsfülle des Gelehrtengehirns hinweisen. Manche Erdbewohner stellen deshalb sogar Bücherregale in ihre Wohnräume, um Besuchern zu signalisieren: „Seht einmal, wie gelehrt ich bin.“ Möbelläden bieten solchen Menschen sogar bunte Bücherrückenimitate an. Drei Meter Goethe, zwei Meter Brecht usw.

Da ich in unserer ersten Wohnung kein Arbeitszimmer besaß, stellte auch ich ein Bücherregal in unseren Wohnraum, und weil ich nicht so gelehrt erscheinen wollte, hatte ich Goethes gesammelte Werke dort in einem Halbkreis postiert, in dessen Mitte auf einem kleinen Podest ein Gartenzwerg stand. Diesen nannten wir „Goethe“. Weil unser Sohn Gereon das „G“ noch nicht aussprechen konnte, nannte er diese Figur „Döhte“. Das sollte später in einer Kirche mit grell gefärbten Heiligenfiguren noch zu einem heiteren Zwischenfall führen.

Dann aber bot sich eine bessere Lösung für die Ironisierung der bürgerlichen Bücher-Protzerei an. Mein Freund Gilles schenkte uns ein Ölgemälde, das drei Magier aus dem neuen Testamente darstellen sollte. Dieses Bild ist hier im Gedankenwandler bei den älteren Beiträgen unter dem Titel „Gilbert Kruft: Die drei Magier“ abgebildet und beschrieben. Meinem Freund Hänschen Fischer gefiel das Bild gar nicht. Er befestigte mit einer Heftzwecke, die er in die Leinwand bohrte, einen Zettel an den Mund des kleinen Magiers. Auf diesem Zettel standen die Worte: „Onkel, hast du en Kamell für mich?“ Andere Freunde meinten, das Bild stelle wohl Adenauer, de Gaulle und meinen Freund Hänschen Fischer dar.

Das Kunstwerk wird dominiert von den Farben Rot und Grün. Zusätzlich befindet sich noch etwas blaue Farbe darauf. In unserem Bücherregal ließ ich diese Farben nun wiederkehren, indem ich die Bücher nicht nach Themen, sonder nach der Farbe der Bücherrücken zusammenstellte. Alle anderen Bücher brachte ich in Kartons oder später in meinem Arbeitszimmer unter, selbstverständlich nach Themen geordnet.

So harmoniert das Bild der drei Magier in unserem Wohnraum mit den roten, grünen und blauen Bücherrücken im Regal. Das ist für unsere Augen allemal wohltuender als der Anblick wild wechselnder Farben. Zusätzlich erhebe ich mich eitel über die Bürger, die ihre Bücher normal einordnen. Die Anordnung ist also schön und zugleich im bürgerlichen Sinn verrückt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DANKGEBETE

Wenn ich meine Sinne und mein Denken auf etwas fokussiere, werde ich dadurch emotional beeinflusst. In der Regel nun kann Negatives mein Interesse vorrangig wachrufen, da die frühzeitige Wahrnehmung von Negativem für mein Überleben wichtig sein kann. Das hat sich im Lauf der Evolution so ergeben.

Diese Tatsache machen sich unter anderen auch die Nachrichtenmedien zunutze und versuchen unsere Aufmerksamkeit durch die Meldung vieler negativer Ereignisse zu fesseln. Da sie dabei in unserer Zeit auf globale Quellen zurückgreifen können, können sie uns so täglich einem wahren Bombardement von Negativem aussetzen.

In jeder Sekunde passiert jedoch mehr Positives als Negatives auf der Erde, so zum Beispiel dass die Tastatur meines Computers funktioniert, dass ich Verbindung zum weltweiten Kommunikationsnetz habe, dass ich bequem sitze, dass meine Enkelin heute einmal nicht so viel herummault, dass es keinen Fliegeralarm gibt, dass ich jetzt nicht in einen Bunker rennen muss, dass es die Musik von Johann Sebastian Bach gibt, dass es die Mezquita in Cordoba gibt usw. usw.

Wenn ich nun dem, den ich Gott nenne, für dieses Positive Dank sage, richte ich meine Aufmerksamkeit zumindest für die Dauer dieses Dankgebetes auf dieses Schöne, Gute und Wahre und werde dadurch in meinem Innern positiv gestimmt. Diese Resonanz fördert wiederum meine Glücksgefühle und verschönert mein Leben.

Man sollte also schon aus Egoismus öfter ein Dankgebet sprechen.

ERINNERTE KLÄNGE XI.

Trost

Neulich unterhielten wir uns im Freundeskreis drei Stunden lang über das Thema „Trost“. Wie ist Trost möglich? Welche Erfahrungen haben wir aktiv und passiv mit Trost gemacht. – Es war ein sehr tiefgehendes Gespräch. Dabei erinnerte ich mich an ein lang zurückliegendes Erlebnis, das ich mit „Trösten“ hatte:

Als Student trampte ich von Köln über Straßburg nach Welschingen im Hegau und kam am ersten Tag bis hinter Phalsbourg. Es wurde schon dunkel, und ich hielt Ausschau nach einem windgeschützten Gebüsch, in dem ich die Nacht verbringen könnte. Da hielt ein Personenwagen in der entgegengesetzten Richtung, dessen Fahrer mich fragte, wohin ich wolle. Auf meinen Hinweis, dass ich in die andere Richtung wolle, erwiderte er, er werde sofort wenden. Dies tat er dann auch. In dem Wagen saßen noch eine Frau und ein kleiner Junge.

Ich erfuhr, dass der etwa fünf Jahre alte Junge Roland hieß und dass die Familie unterwegs nach Straßburg war, wo Roland am anderen Tag, wie jede Woche einmal, wegen Leukämie sein Blut ausgetauscht bekam. Nachdem sie vorhin an mir vorbeigefahren seien, habe Roland gefragt, was dieser Mann, der da winkend am Straßenrand stand, gewollt habe. Und als sie ihm gesagt hätten, dass ich sicher hätte mifahren wollen, habe er darum gebeten, zu wenden und mich doch mitzunehmen. Dann teilte mir die Frau mit, dass sie mich nur bis Saverne mitnehmen könnten, da sie erst am nächsten Tag nach Straßburg führen. Ich könnte mit ihnen auf dem Bauernhof ihrer Eltern übernachten. Es sei jedoch sehr primitiv dort, und sie wüssten nicht, ob sie mir das zumuten könnten.

Ich erklärte mich damit einverstanden und landete so an diesem Abend in dem kleinen Dorf Haegen im Elsass. Für mich wurde auf dem Bauernhof der Eltern die „Gute Stube“ geöffnet, die sonst wohl, wie in alter Zeit bei vielen Familien üblich, nur an Festtagen benutzt wurde. Lampen und Polstermöbel wurden von Schutztüchern befreit. Das Sofa wurde mir als Schlafplatz zugewiesen.

Roland interessierte sich sehr intensiv für meine Gitarre, und so wandte ich mich den größten Teil des Abends ihm zu, sang ihm Abendlieder vor, ließ ihn zu manchen Liedern die Saiten anschlagen, begleitete ab den zweiten Strophen Lieder, die er vorsang, und ließ ihn auch alleine auf den Saiten der Gitarre herumklimpern. Er war völlig fasziniert von diesem Instrument.

Am nächsten Tag nahm mich die Familie dann mit nach Straßburg.

Sechs Wochen später erhielt ich zu Hause einen Brief aus Haegen. – Roland war gestorben. –

Die Eltern schilderten mir in dem Brief, wie Roland in den letzten Tagen, ja selbst in der letzten Stunde seines Lebens immer wieder von der Gitarre und den Liedern erzählt habe.  – Das traf mich sehr. –
Stundenlang überlegte ich, wie ich die Eltern und die Großeltern trösten könnte, und schrieb ihnen dann schließlich einen vier Seiten langen Brief.

Als ich Jahre später mit einem eigenen PKW an Haegen vorbeikam, bog ich kurzentschlossen von der Nationalstraße ab, fuhr in den Ort und besuchte dort die Großeltern des kleinen Roland. Diese freuten sich sehr über meinen Besuch und wollten mich unbedingt mit dem Pfarrer von Thal-Marmoutier bekannt machen, dem sie meinen Beileidbrief gezeigt hatten. Ich konnte ihnen den Wunsch nicht abschlagen. Als dieser Pfarrer jedoch auch noch den Pfarrer von Marmoutier, der auch von diesem Brief erfahren hatte, herbeiholen wollte, musste ich mich doch verabschieden, da ich an diesem Tag noch in Welschingen im Hegau erwartet wurde.

Es vergingen zwei oder drei Jahre, da erhielt ich aus Haegen die Nachricht, dass der Opa gestorben war. Man bat mich in dem Brief darum, der Oma auch einen Trostbrief zu schreiben. – Diesmal begnügte ich mich jedoch mit Trostworten auf nur einer Seite.

Seitdem habe ich nichts mehr aus Haegen gehört.

BROTHORTUNG FÜR JAHRHUNDERTE

Das war schon eine gute Sache damals. Da sollte ein Dorf-Backofen eingeweiht werden, der in altem Stil errichtet worden war. Etwa 40 Personen hatten sich gegen 15 Uhr an einem sonnigen Sonntag dazu im Hof des Obermaubacher Heimatmuseums versammelt.

Zunächst geschah dann – nichts -. Man wartete auf den Pfarrer. Als dieser um 15.20 Uhr immer noch nicht erschienen war, fragte man einen der Bauleute des Backofens, ob er denn den Pfarrer auch eingeladen habe. „Doch, ich habe ihm die Einladung vor einer Woche persönlich in den Briefkasten geworfen.“ – „Aber der ist doch schon seit 14 Tagen zur Kur.“ wusste ein anderer zu berichten.

Da ich einige Wochen vorher für Freunde eine Meditation zum Thema „Brot“ geleitet hatte, erklärte ich mich spontan dazu bereit, den Ofen einzuweihen. Ich eilte nach Hause, holte meine Notizen von damals, ein Neues Testament und meine Gitarre und begann die Einweihungsfeier mit dem Lied „Wenn das Brot, das wir teilen als Rose blüht“. Alle sangen kräftig mit.

Danach forderte ich die Anwesenden auf, Brotgeschichten zu erzählen, und begann selbst mit einem Beispiel, indem ich davon sprach, dass wir uns in unserer Familie im und nach dem Krieg oft auch noch die Brotkrümel untereinander gerecht aufgeteilt haben. – Eine Frau erinnerte sich, dass die Frauen in ihrem Heimatdorf die Brote, die sie im Dorf-Backofen backen ließen, dadurch kennzeichneten, dass sie ihren großen Hausschlüssel als Stempel in den Brotlaib drückten.

Als Schriftstelle aus dem Neuen Testament ließ ich die Geschichte von der wunderbaren Brotvermehrung vortragen. Im Anschluss zeigte ich auf die Inschrift, die auf einem Balken über der Backofentür stand. Sie lautete „Unser tägliches Brot gib uns heute“. Den Ausdruck „tägliches“ interpretierend, wies ich darauf hin, dass es Menschen gibt, die für sich Nahrung nicht nur für den Tag, sondern für Monate, Jahre, ja Jahrtausende anhäufen würden, und dass viele Menschen hungern müssten, weil sie dadurch nicht einmal Brot für den Tag hätten.

Dann stellte ich mich vor den Backofen und bat Gott um seinen Segen für alle, die in diesem Ofen Brot backen würden, und für alle, die Brot aus diesem Backofen essen würden.

Da der Text des Liedes so gut passte, sangen wir noch einmal die erste Strophe des Liedes „Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht“. –
Zum Abschluss gab es dann für alle das erste Brot aus dem neuen Backofen, wahlweise mit Butter oder mit Griebenschmalz. (köstlich!)

Die ganze Geschichte hatte noch zwei Nachspiele: Etwas unverständlich berichteten die „Dürener Nachrichten“ in einem Artikel über die Feier von der „Brothortung der Reichen für Jahrhunderte“, und als der Pfarrer nach vier Wochen aius der Kur zurückkam, stellte er mich, dabei freundlich lächelnd, zur Rede, weil ich ihn, ohne sein Einverständnis einzuholen, vertreten hatte.

Die Gemeinde Kreuzau hat das Anwesen des ehemaligen Heimatmuseums vor einem Jahr gekauft und dort Asylbewerber untergebracht. Das passt sehr gut zu dieser Geschichte!

 

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DIE LEIDEN DES JUNGEN WÄRTERS

Ein Kommilitone, der im Seminar neben mir saß, verzog neulich seltsam seine Nase und fragte mich, ob ich bei meinem Studentenjob denn überhaupt keine Angst hätte, weiter auf dem wohl von Terroristen verminten Parkplatz Automobile zu bewachen. Ich tat diese Anspielung damals lächelnd ab, indem ich ihn darauf hinwies, dass er sich ja auch sorglos täglich über die sogenannten Bürgersteige unserer Stadt bewege. In der letzten Woche jedoch verging mir das Lächeln. Hier der Bericht über die Woche und ihre Folgen:

Montag: Ein vornehm gekleideter Herr holte seinen Jaguar ab, hielt bei mir an, öffnete die Tür, deutete auf sein Bremspedal und fragte: „Was sagen Sie denn dazu?“

Dienstag: Einer älteren Dame widerfuhr auf dem Parkplatz, den ich bewachte, etwas, auf das hin der Voksmund Geld verheißt.

Mittwoch: Ein Dachdecker trat auf dem Platz mitten in ein bräunliches Gebilde und beschwerte sich daraufhin bei mir.

Donnerstag: Eine schöne junge Frau suchte auf meinem Parkplatz eine Grasnarbe auf und versuchte dort etwas von ihrem linken Schuh zu entfernen.

Freitag: Ich dachte schon, ich hätte endlich einen katastrophenfreien Tag. Kurz vor Dienstschluss jedoch beschwerte sich eine Frau südosteuropäischen Aussehens bei mir über einen seltsamen Geruch, der über meinen Parkplatz wehe.

Samstag: Wie sooft musste ich den Wagen von Bankdirektor Schmatz wieder einmal zu seiner Villa bringen. Wenn er freitagabends Kegeln hatte, vergaß er manchmal, wo er seinen Wagen geparkt hatte. Deshalb hatte er mir einen Schlüssel dafür gegeben und mich gebeten, ihm seinen Wagen dann samstags nach Hause zu bringen. Ich schellte; eine Dienstbotin öffnete und führte mich in den Salon. Als Herr Schmatz sah, welche unästhetischen Spuren ich auf seinem wertvollen Perserteppich hinterlassen hatte, kündigte er mir das Parkabonnement. Verärgert ging ich nach Hause. Dort hockte ein Hund in verkrampfter Haltung vor der Türe. Ich ergriff wütend einen Stein und schleuderte ihn auf diesen treuen Begleiter des Menschen.

Mein Nachbar Käsig, der Halter diese Hundes, sah das und zeigte mich an. Jetzt muss ich mich in drei Wochen wegen Tierquälerei vor Gericht verantworten.

ERINNERTE KLÄNGE X.

„Ach soooo!“

Vor vielen Jahren besuchte ich an einem Wintertag ein Orgelkonzert in der Christuskirche zu Düren.Der Spieltisch des Organisten befindet sich dort hinter einem Teil des Orgelprospektes, so dass der Organist vom Kirchenraum aus nicht zu sehen ist.

Zum Schluss des Konzertes erklang die letzte Variation aus Johann Sebastians Werk „Die Kunst der Fuge“. Über der Arbeit an dieser Variation ist Bach gestorben.

Manche Organisten fügen diesem Teil deshalb zum Abschluss ein abwärts gleitendes Glissando hinzu, um den Eindruck des plötzlichen Abbruchs zu verstärken. Es scheint dann so, als habe der Tod den Organisten während des Spiels überrascht, so dass die rechte Hand mit dem umkippenden Körper über die Tasten strich..

Als der Organist diese Stelle so spielte, schlug im gleichen Augenblick direkt neben der Kirche mit lautem Donner der einzige Blitz eines überraschenden Wintergewitters ein. Danach knarrte laut der Spielsitz des Organisten.

Dann herrschte Stille. – – –

Nach ca. 30 Sekunden erhob sich einige Bänke vor mir erregt ein Mann und rief in die Stille hinein: „Da muss man doch helfen!“ – Seine Nachbarin versuchte ihn zurückzuhalten und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Darauf hin ertönte ein überlautes „Ach sooo!“ durch den ganzen Kirchenraum und der Mann sank erleichtert auf seinen Stuhl zurück.

Ich hatte Glück an diesem Tag, denn auch ich wäre wohl aufgesprungen und hätte gedacht, der Organist sei vom Blitz getroffen worden, wenn mir nicht vor dem Konzert ein Freund davon erzählt hätte, in welcher Art manche Organisten „Die Kunst der Fuge“ beenden.

WELTWEITE KOMMUNIKATION

Ansgar Graw, der Senior Political Correspondent der Welt-Gruppe in Washington, wurde 2014 in Ferguson verhaftet und in Handschellen abgeführt, weil er von den dortigen Rassen-Krawallen berichten wollte.

Am Tag nach seiner Verhaftung postete er auf facebook ein Foto, das ihn mit zwei seiner Kollegen vor dem dunklen Abendhimmel von Ferguson zeigte. Da alle drei schwarz gekleidet waren, wollte ich eine witzige Bemerking machen und kommentierte das Foto mit den Worten: „Das sieht aber schwarz aus in Ferguson.“

Als ich den Schlusspunkt dieses Satzes eingetippt hatte, kam mir der Gedanke, dass diese scherzhaft gemeinte Bemerkung Ansgar Graw unter Umständen schaden könnte. Deshalb wollte ich den Ausdruck „schwarz“ sofort durch das Wort „dunkel“ ersetzen. Ehe ich jedoch dazu kam, war in Sekundenschnelle schon die Antwort Ansgar Graws auf meinem Bildschirm. Sie lautete: „Wir sind aber keine Schwarzseher.“

Das war weltweite Kommunikation im Sekundentakt.

BLUMEN DER WILDNIS

Nach Lessings Schrift „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ würden sich die Religionen von dunklen archaischen Anfängen zu immer mehr Klarheit hin entwickeln.

Gertrud von Le Fort muss in einer ihrer „Hymnen an die Kirche“ dann auch zugeben, die Kirche „habe noch Blumen aus der Wildnis im Arme“.

Beide Aussagen scheinen mir treffend zu sein.

Seit dem II. Vatikanischen Konzil ist eine zunehmende Abkehr der Katholischen Kirche von archaischen magischen Praktiken zu beobachten. So tritt in den Eucharistiefeiern zunehmend die Mahlgemeinschaft an die Stelle der Feier eines Menschenopfers. Exzesse des Reliquienkults werden zunehmend abgestellt: Das Verschwinden der Vorhaut Jesu aus Calcata und einer zweiten Vorhaut Jesu (es soll noch viele davon geben) aus Antwerpen deuten darauf hin. Auch der Diebstahl der Blutreliquie des Papstes Johannes Paul II. aus dem Kölner Dom könnte dazu passen.

Reliquiendiebe rissen der Leiche der Heiligen Elisabeth Haarbüchel aus und schnitten ihr Fingerglieder, die Ohren und die Brustwarzen ab, weil sie sich Heil von diesen Körperteilen versprachen. Einer der Köpfe der Elisabeth befindet sich in Udine, ein anderer in Besancon und ein weiterer in Wien, eine Rippe in Marburg, ein Arm in Sayn, ein Knochenstück in der Elisabethkirche in Düsseldorf usw. Die Heilige Elisabeth ist also weit verstreut.

398 beschloss die Synode von Karthago, dass Altäre nur noch über echten Reliquien errichtet werden dürften. So befindet sich auch heute noch in der Mitte jeder Altarplatte eine Steinplatte mit einer Heiligenreliquie. Zu Beginn jeder Eucharistiefeier küsst der Priester diese Stelle symbolisch. Wie wild im Sinne von Gertrud von Le Fort dieses Ritual ist, wurde mir einst in St.Johannes im Lateran bewusst. Dort werden solche Reliquienplatten für Altäre auf dem ganzen Erdkreis hergestellt. Dazu gräbt man in Rom Knochen aus sogenannten Märtyrerfeldern aus, zermahlt sie, vermischt das Mehl mit Zement, schmiert diese Mischung dann in ein kleines ca. 1 cm großes Loch der Platte. Unser Führer griff damals in einen Sack, nahm eine Handvoll dieser Mischung heraus und ließ das Pulver aus der Hand wieder in den Sack zurückrieseln und sagte dabei: „Sehen Sie, alles Heilige, alles Heilige.“

Resume dieser Überlegungen: Sollte man nicht in zunehmendem Maße Wildheit durch Klarheit ersetzen?

MEINE ZEIT ALS STRASSENBAHNSCHAFFNER

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Kindheits-Erlebnisse

Da standen 1945 zehn unverschlossene Straßenbahnwagen, darunter vier Triebwagen, auf einem Gleis am Kölner Zoo. Die Oberleitung fehlte. So konnten wir Kinder dort Schaffner spielen und mit den Stromabnehmern schaukeln: „Ist hier noch jemand ohne Fahrschein?“  –  Besonderen Spaß machte es uns, an den ledernen Klingelschnüren zu ziehen. Dabei sangen wir dann oft das Lied „Liebe kleine Schaffnerin, kling kling kling…“, das damals mehrmals täglich im Nordwestdeutschen Rundfunk zu hören war.

Ein Beruf auf Zeit

1956 hatte ich meine Abiturprüfung bestanden und wollte studieren. Meine Eltern hätten mir ein Studium jedoch nicht bezahlen können. Sie hatten schon jährlich ein ganzes Monatsgehalt Schulgeld für mich und für meine Geschwister zahlen müssen. Arbeitsplätze waren damals sehr rar, und so war ich froh, bei den Kölner Verkehrsbetrieben eine Arbeit als Studentenschaffner zu finden. Ich musste 24 Stunden pro Woche Dienst tun und erhielt einen Stundenlohn von 1,11 DM. Meine Dienststelle kam mir sehr entgegen, so dass ich die Schichtzeiten zum Teil selbst bestimmen konnte. Die Ausbildung dauerte drei Wochen, und dann gab es eine Abschlussprüfung in Theorie und Praxis.

Meine Stammlinien

Viereinhalb Jahre bis in die Zeit meines Staatsexamens hinein arbeitete ich neben meinem Studium als Straßenbahnschaffner. Meistens fuhr ich mit dem ersten Zug um 4.13 aus dem Depot in Köln-Weidenpesch, wurde nach ca. 4 Stunden abgelöst und erreichte mit meinem Fahrrad gerade noch rechtzeitig die erste Vorlesung. Besonders oft fuhr ich mit dem sogenannten „Lumpensammler“ kreuz und quer durch Köln. Dieser Zug stand nicht im öffentlichen Fahrplan. Er brachte nachts die letzten Schaffner nach Hause und holte die ersten ab. Auch Rosenverkäuferinnen und Barfrauen und Betrunkene stiegen dort manchmal ein. An Sonn- und Feier-Tagen fuhr ich 8-Stunden-Schichten. Die Linien 10 , 11 und 12 waren meine Stammlinien. Sie verbanden Weidenpesch, Mauenheim und Niehl im Norden mit Klettenberg, Marienburg und Zollstock im Süden der Stadt.

Kriegsveteranen

Wenn eine Fahrt glatt ablief, hatte ich an den Endstationen ca. 10 Minuten Pause. Nachts saßen der Fahrer, der Zugführer und ich dann im Anhänger und rauchten eine Zigarette.

Nach dem Krieg kehrten viele jungen Männer aus der Kriegsgefangenschaft heim. Sie hatten während des Krieges im Urlaub geheiratet und zum Teil schon Kinder, hatten aber noch keinen Beruf erlernt. Manche ergriffen so aus Resignation den Schaffner-Beruf mit seiner kurzen Ausbildungszeit, um ihre Familie ernähren zu können. In vielen Nachtgesprächen versuchte ich einige zu ermuntern, sich neben dem Schaffner-Dienst weiter fortzubilden, was in vier Fällen auch erfolgreich war. Einer meiner Schaffner-Kollegen war später sogar im Diplomatischen Dienst tätig. Besonders gern unterhielt ich mich mit einem Fahrer, der wunderbare Bilder malte.

Abwechslung im Dienst-Einerlei

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Da mir die normale Schaffner-Tätigkeit oft sehr öde erschien, versuchte ich ab und an meine Arbeit kommunikativ aufzuwerten. Statt „Wer ist hier noch zugestiegen?“ rief ich dann: „Ist sonst noch wer da, der da noch keinen gültigen Fahrausweis besitzt?“ Im Berufsverkehr rief ich den Fahrgästen zu: „Liebe Sardinen, rücken sie bitte noch enger zusammen, damit die armen Teufel da draußen  zusteigen können! Sie waren doch auch froh, noch zusteigen zu können.“

Am Ebertplatz rief ich mehrmals dessen alten Namen „Adolf-Hitler-Platz“ aus, hielt sodann verschämt die Hand vor den Mund und erntete Gelächter. Heutzutage wäre das ein Entlassungsgrund. Der Historiker Professor Dr. Heribert Müller hat diesen Demokratietest in der Zeitschrift „Geschichte in Köln“, Band 45, Seite 124 erwähnt: „Und im Hintergrund der älteste Bruder, ganz intellektuelle Distanz. Der trug ja auch eine Baskenmütze, las Böll und sollte später seinen eigenen Demokratiereaktionstest entwickeln, wenn er, als Schaffner bei der KVB fürs Studium jobbend, statt „Ebertplatz“ den „Adolf-Hitler-Platz“ ausrief.

Nachtarbeit

Vier mal erlebte ich im „Lumpensammler“, dass mir Betrunkene ihre leeren Geldbörsen  vorzeigten. Einem, der mich dabei fragte: „Wat soll isch dunn?“ bezahlte ich einen Fahrschein und gab ihm meine Adresse. Ich bekam das Geld tatsächlich in Form von Briefmarken zurückgeschickt.

Einmal wollte am Ebertplatz ein Herr mit teurem Mantel und Hut einsteigen. Seine Begleitung, wohl eine fröhliche Betriebsgemeinschaft, versuchte ihren Chef zurückzuhalten und sagte ihm immer wieder, er müsse in die andere Richtung fahren. Er stieg dennoch ein und sagte: „Das rechte Gleis führt immer zur Agneskirche.“ Wir fuhren jedoch nicht die eine Station zur Agneskirche, sondern entgegengesetzt 12 Stationen weit nach Zollstock. Dort hätte er an der Endstation aussteigen müssen, da wir ihn nicht durch die Wendeschleife mitnehmen durften. Weil er jedoch sehr viel Alkohol geladen hatte, ließ ich ihn vorschriftswidrig auf seinem Platz sitzen. Da hörte ich auf einmal ein Plätschern, und eine gelbliche Flüssigkeit breitete sich unter seinem Holzlattensitz aus, so dass ich mitten in der Nacht über die interne KVB-Telefon-Leitung ein Reinigungskommando anfordern musste. Wenn dieser Mann  später an der Agnes-Kirche einsteigen wollte und mich sah, lief er immer schnell zu einem anderen Wagen.

Bei einer unfall-bedingten Streckensperrung mussten wir manchmal am Eigelstein-Tor wenden. Dort  gab es abends mehrmals Schwierigkeiten, weil ein parkendes Auto die selten benutzten Geleise versperrte. Dann musste ich durch die anliegenden Kneipen ziehen, um den „Sünder“ zu suchen.

Ich fand ihn auch jedes Mal, musste aber aus verständlichen Gründen die freundliche Aufforderung: „Kumm, drenk doch noch schnell eine met!“ ablehnen.

Die Müllers Aap

Am Ebertplatz stand eines Tages auch „ Die Müllers Aap“, ein damals in Deutschland sehr bekannter Boxer, an der Haltestelle und wollte etwas Gutes tun, indem er älteren Damen beim Einsteigen half. Er packte sie unaufgefordert, hob sie in den Wagen hoch und sagte dabei: „Dä, Mütterschen!“

Unfälle

Einmal sprang ein Mann, der die bereits anfahrende Bahn nicht verpassen wollte, auf die Verbindungskuppeln zwischen zwei Wagen. Hätte ich in dem Augenblick das Notsignal „Schellen ohne Unterlass“ gegeben, hätte der Fahrer den Zug mit einer Notbremsung zum Halten gebracht. Dabei wäre der „Fahrgast“ jedoch unter die Räder geraten. Deshalb gab ich das Signal für das Halten auf freier Strecke „zwei mal zwei mal läuten“. So konnte ich das Leben des Mannes retten.

Ein anderes Mal lief ein lesender Mann auf dem Hansaring zwischen zwei Wagen und wurde weggeschleudert. Er lag da auf der Straße und hatte einen Schotterstein im Schädel. Als ich ihm diesen herauszog, atmete er noch einmal und starb.

Den schlimmsten Unfall erlebte ich am Sachsen-Ring: Damit Fußgänger dort nicht die Bahngleise überquerten, war auf dem Schotterstreifen zwischen den beiden Gleisen eine Kette gespannt. Ich kassierte gerade im Wagenteil hinter dem Fahrer, als ein Mann unser Gleis verbotswidrig überqueren wollte. Mein Fahrer warnte ihn mit Alarm-Läuten und wies ihn auf einen entgegenkommenden Straßenbahnzug hin. Der Mann jedoch zeigte meinem Fahrer den Vogel (tippte frech grinsend mit einem Zeigefinger mehrmals an seine Stirn), geriet unter den entgegenkommenden Zug und war nur noch ein Bündel von Knochen, Fleisch und Sehnen. Ein Kapitell der Kirche Saint-Pierre in Chauvigny erinnerte mich einige Jahre später an dieses grausame Ereignis.

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Bei ca. 12 Unfällen, die ich als Zugführer (Schaffner im Triebwagen) erlebte, musste ich nach Dienstschluss jedes Mal einen ausführlichen Unfallbericht verfassen, wodurch ich einige Vorlesungen verpasste.

Prominente

Bei der Fahrt durch Bayenthal fuhr in meinem Wagen öfter eine Geigerin des Gürzenich-Orchesters mit. Ich kannte sie durch meine Konzertbesuche im Gürzenich. Ich hätte ihr gerne erzählt, das ich ihr Spiel schätzte, hatte jedoch zu viel Scheu davor.

An der Endstation in Marienburg mussten wir morgens, laut Weisung von oben, immer ganz, ganz langsam wenden, damit Herr Pferdmenges, ein bekannter Bankier, der dort wohnte, nicht durch das hell kreischende Geräusch geweckt wurde, das sonst bei normaler Fahrt in engen Schienenkurven durch die Reibung der Eisenräder an den engen Schienen entsteht.

Ehrfurcht

Etwas, das es heute kaum noch gibt, geschah regelmäßig an der Agnes-Kirche: Dort stand, der Neußer Straße zugewandt, ein großes Missions-Kreuz. Viele ältere Männer in der Straßenbahn lüfteten stets ehrfurchtsvoll ihren Hut, wenn wir an dieser Stelle vorbeifuhren.

Rocker

In einer Nacht stiegen an der Haltestelle Florastraße zwei wohl verfeindete Rockergruppen in meinen Wagen. Als die ersten Schläge ausgeteilt und die ersten Körper durch den Wagen geschleudert wurden, sprach ich zwei Typen an, die mir die „Leithammel“ zu sein schienen, legte ihnen meine Ängste vor den möglichen Zerstörungen dar und bat sie flehentlich, ihren Einfluss geltend zu machen, damit alle an der nächsten Station ausstiegen. Tatsächlich stiegen alle auf einen Wink ihrer Führer hin an der nächsten Station aus und verprügelten sich dort draußen  weiter. Vielleicht war das ja sowieso von ihnen so geplant. Ich aber konnte aufatmen!

Heitere Erlebnisse

Heiterer waren folgende Erlebnisse: Mit dem „Lumpensammler“ stand ich mitten in der Nacht 15 Minuten lang auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof. Da ich in meiner Uniform wohl viel Vertrauen genoss und gewissermaßen den Staat vertrat, wurde ich oft von Passanten angesprochen. Ein Mann fragte mich sogar: „Wo ist hier das nächste… , na, sie wissen schon, mit Frauen?“

Heute noch muss ich in jedem Jahr in der ersten Januarwoche an Küchenquirle denken: Als wir am frühen Morgen zur Endstation Weidenpesch fuhren, lagen in der Neußer Straße mehrere alte Weihnachtsbäume vor einem Haus. Auf der Rückfahrt hatte sich die Anzahl schon verdoppelt. Gegen 7 Uhr lagen dort schon mehr als 100 Bäume. Ein Kollege im Depot, der aus Weidenpesch stammte, konnte mich am nächsten Tag aufklären: In seinem Kegelclub gab es einen Flüchtling aus dem Erzgebirge, dessen Integration schon fast gut gelungen war. Dieser erzählte oft, was im Erzgebirge alles besser sei als in Köln. So hatte er beim Weihnachtskegeln gesagt, sie hätten im Erzgebirge die Weihnachtsbäume im Januar nicht fortgeworfen, wie das in Köln so üblich sei, sondern hätten Küchenquirle (Rührstäbe) aus ihnen geschnitzt. Daraufhin hätten einige Kegelbrüder im Kölner-Stadt-Anzeiger eine Anzeige aufgegeben mit dem Wortlaut „Werfen Sie Ihre alten Weihnachtsbäume nicht weg! Bringen Sie sie bitte zum Haus Neußer Straße Nr. xxx ! Meine Familie verarbeitet sie zu Küchenquirlen.“

Kameradschaftlich sorgten die Kegelbrüder selbstverständlich am nächsten Tag dafür, dass ca. 250 Weihnachtsbäume entsorgt wurden. Seitdem soll der Kegelbruder allerdings nie mehr davon geredet haben, dass im Erzgebirge alles besser sei als in Köln.

In späterer Zeit gab es dann Wagen, in denen ich als Schaffner am hinteren Ende einen Sitzplatz hatte. An der vorderen Türe durften die Fahrgäste nur aussteigen, einsteigen mussten sie an der hinteren Türe. Da kamen in ruhigen Verkehrszeiten manche Gespräche mit den Fahrgästen zustande. Ab einem gewissen Alter sind manche Menschen stolz auf die Anzahl ihrer Jahre. Und so fragten mich mehrmals Männer: „Rot ens, wie alt isch ben!“ Ich ließ mich dann gerne auf dieses Spiel ein und begann bei meinen Schätzungen möglichst niedrig. Dabei entspann sich dann ungefähr folgender Dialog: „ Fünfunseschzisch?“ „Dunn noch jet dobei!“ „Sibbenzisch?“ „Dunn noch jet dobei!“ „Fünfunsibbenzisch?“ „Dunn noch e bessje dobei!“ „Sibbenunsibbenzisch?“ „Noch jet!“ „Aachunsibbenzisch?“ „Woher häste dat jewoss?“ Einmal kramte einer sogar seinen Personalausweis hervor, um mir sein hohes Alter zu beweisen.

Nicht unterlassene Hilfeleistung

Wenn ich in der Nacht Dienstschluss hatte, fuhr ich über fast menschenleere Straßen mit dem Fahrrad nach Hause. Dabei kam ich oft auch an Gestalten vorbei, die torkelnd den Weg nach Hause suchten. Als es einmal stark geschneit hatte, lag solch ein Mensch auf dem Bürgersteig auf einem Schneehaufen.

Da er dort zu erfrieren drohte, hielt ich an, hob ihn hoch und begleitete ihn zu seiner Wohnstätte, indem ich das Fahrrad mit der linken Hand führte und den Betrunkenen mit meinem rechten Unterarm im Gehen unterstützte. Als wir uns nach 15 Minuten gegen 2 Uhr seinem Domizil näherten, beschimpfte mich aus dem ersten Stock seine Frau aus dem Fenster: „ Do Suffkraat, dat hammer jähn, en Uniform un dann suffe un andere blau maache. Waht, wenn isch Disch jetz kriejen!“ Da ließ ich den Mann stehen und schwang mich auf mein Fahrrad, um möglichst schnell nach Hause zu kommen; denn am anderen Morgen musste ich schon früh zur Universität. Zwei Nächte später erlebte ich das noch einmal.

Diesmal ließ ich den Mann schon 100 Meter vor seinem Haus alleine weitergehen. Ab da fuhr ich, bis Tauwetter eintrat, nach meinem nächtlichen Dienstschluss auf einem Umweg nach Hause, denn ich brauchte meinen Schlaf nötig.

Schlafsucht

Wenn die Türen aller Wagen geschlossen waren, bekam der Fahrer ein Lichtzeichen und konnte losfahren. Dann begann oben an der Decke der Wagen ein Ventilator verbrauchte Raumluft abzusaugen. Sobald der Fahrer den Schaffnern an den Haltestellen durch ein Lichtzeichen signalisierte, dass sie die Türen öffnen durften, setzte dieser Ventilator aus. Wenn wenig Betrieb war und die Haltestellen weiter auseinanderlagen, nutzte ich manchmal die Arbeitspausen zu einem Kurzschlaf. Sobald der Ventilator aussetzte, wurde ich wach und konnte bei Bedarf die Türen öffnen. Einmal war ich nach 12 Stunden Nachtdienst an einem Sonntagmorgen nicht abgelöst worden und wurde an einer Haltestelle gegen 10 Uhr trotz Aussetzen des Ventilators nicht wach. Da schlug von außen eine ältere Dame erbost mit den Fäusten gegen die blecherne Waggon-Wand und rief: „Dä ess woll noch am schloofe do.“ So konnte ich ihr die Türe doch noch rechtzeitig öffnen. Wenn die gewusst hätte…?

Überhaupt fand ich in meiner Schaffnerzeit kaum Zeit zum Schlafen. Da ich zugleich Vorlesungen und Seminare in der Universität besuchen, mich Prüfungen stellen, ferner  studieren und Arbeiten schreiben musste, konnte ich mir den Schlaf nur stückweise holen, so zu Hause, in einem Bibliotheksraum, beim Warten in Wartezimmern von Ärzten, beim Friseur, kurz immer dann, wenn ich nicht konzentriert tätig war. Zum Ende meiner Schaffner-Tätigkeit waren es meine Ärzte, die mich meiner angegriffenen Gesundheit wegen zur Kündigung meines Schaffnerdienstes bewegten. Schlafen kann ich seitdem aber wann und wo und solange ich will, auch bei Lärm und auf harten Unterlagen.

Vorgesetzte

An jeder Endhaltestelle musste ich die Fahrtrichtung und die Uhrzeit meiner Stempelzange (Knippszange) neu einstellen und musste die Seriennummer der obersten Nummern der Scheine auf den Fahrschein-Blöckchen in ein hellgelb gefärbtes Formular eintragen, mit dessen Hilfe ich nach Dienstende im Depot die Einnahmen abrechnen und dann in einer Kassette in einen Tresor schieben musste.

Damals  gab es bei der KVB so genannte Verkehrsmeister, die manchmal zustiegen, um zu kontrollieren, ob alle Schaffner ihre Arbeit auch korrekt ausübten. Zusätzlich kontrollierten sie auch, ob alle Fahrgäste einen gültigen Fahrtausweis besaßen. Sie waren etwas Höheres, wie man schon an den Sternen ihrer Uniformen und an den Schnüren ihrer Kappen erkennen konnte.Diese Verkehrsmeister standen oft an den Umsteigepunkten herum, weil sie auf bestimmte Straßenbahnen und deren Schaffner warteten. Sie hielten sie in der Regel ihre Hände so auf den Rücken verschränkt, dass ihre Handinnenflächen außen lagen. Deshalb hieß es von ihnen, dass sie die einzigen Kölner seien, deren Hand-Innenflächen von der Sonne gebräunt seien.

Erkenntnisse im sozialen Bereich

Mein Schaffner-Dienst half mir manchmal, Bekannte neu einzuschätzen. Da gab es zum Beispiel welche, darunter auch ehemalige Lehrer, die zu einem kurzen Schwätzchen bei mir stehen blieben; andere taten so, als kännten sie mich nicht. Es war ihnen wohl peinlich, jemanden zu kennen, der Schaffner war. Wieder andere offenbarten ihre Komplexe. Solche gaben mir zu verstehen, dass sie sonst mit ihrem Auto durch die Stadt fuhren und nur notgedrungen eine Straßenbahn benutzten, weil ihr Auto etwa beim TÜV sei oder gerade einmal defekt sei. (Es gab damals wesentlich weniger PKWs als heute. Zweitwagen kannte kaum jemand).

Unter den betrunkenen Fahrgästen waren, Feministinnen mögen mir diese Aussage bitte verzeihen, aus mir unbekannten Gründen die Männer eher still oder sie sangen, während manche Frauen sehr laut und ordinär wurden.

Geärgert habe ich mich auch oft, wenn gegen 17.30 Uhr dicke Frauen in Pelzmänteln, die von einem Cafe-Besuch kamen, mir in barschem Ton befahlen, ihnen gefälligst einen Sitzplatz zu besorgen und dazu Lehrlinge, die müde und erschöpft von der Arbeit nach Hause fuhren, von ihrem Sitzplatz zu verjagen. Diese würden ja nur den halben Fahrpreis bezahlen und wären laut Beförderungsrichtlinien verpflichtet, Erwachsenen bei Bedarf ihre Sitzplätze zu überlassen. ( Die Ausdrücke „dicke“, „Pelzmäntel“, „barsch“, „gefälligst“ und „verjagen“ zeigen wohl deutlich, dass ich heute noch Wut über diese Typen habe.)

Resümee

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Welche Bedeutung hat diese Tätigkeit als Straßenbahnschaffner für mein späteres Leben gehabt? Zunächst ist da zu nennen, dass ich dadurch mein Studium habe finanzieren können. Ferner habe ich, da sich meine Kollegen in der Regel auf Kölsch unterhielten, meine Kenntnisse in dieser schönen Sprache weiter ausbauen können. Schließlich habe ich durch meine vielen Fahrten kreuz und quer durch Köln fast alle linksrheinischen Viertel meiner Heimatstadt kennen gelernt.

Dank

Danken möchte ich zum Schluss allen Schaffner-Kollegen, die mich so freundlich in ihren Kreisaufgenommen haben. Danken möchte ich den Herren der Leitung unseres Depots in Köln-Weidenpesch, die mir stets geholfen haben und mir in Prüfungszeiten durch ihren häufigen Verzicht auf meine vorgeschriebenen Wochenstunden Luft zum Atmen gelassen haben.

Dank gebührt aber auch den damals Verantwortlichen der KVB dafür, dass sie Studenten diesen Dienst als Schaffner ermöglicht haben.

PRÄGENDE VORBILDER II

In meiner Schulzeit haben viele Schüler große Philosophen, Naturwissenschaftler, Dichter, Politiker, Heilige und ähnliche herausragende Menschen als Vorbilder angesehen, heute werden stattdessen Schauspieler, Schlagersänger, Fußballspieler, clevere Geschäftsleute und ähnliche Typen als Vorbilder verehrt. Statt Albert Schweitzer und Dietrich Bonhoeffer gelten vielen Jugendlichen heute eher Alice Schwarzer und Dieter Bohlen als vorbildhafte Menschen.

PRÄGENDE VORBILDER

Zur Entwicklung unseres Ichs tragen viele Momente bei. Dazu gehören unter anderem die Entfaltung der genetischen Anlagen und die Einflüsse der Erziehung, die man genossen oder erlitten hat. Wichtig sind auch die Einflüsse der Personen und Gruppen, zu denen man im Lauf des Lebens engeren Kontakt gehabt hat, mit deren Denken man sich identifizierte oder von denen man sich bewusst distanzierte. Neben der Ursprungsfamilie, neben den Jugendcliquen, denen man sich anschloss, den Vereinen, denen man beitrat, sind es die Schulen, die Klassen, die Universitäten, die Nachbarschaften, die Wohnorte und die religiösen Gemeinschaften und ähnliche Gruppen, die uns in der Regel bei der Entfaltung unseres Ichs beeinflussen.

So hat mich z.B. meine 9jährige Schulzeit auf dem Dreikönigsgymnasium stark geprägt. Dieses sogenannte ehrwürdige Gymnasium bestand als Schule schon im 16. Jahrhundert, war lange Zeit ein Gymnasium der Jesuiten und nach Humboldts Reformen ein staatliches humanistisches Gymnasium. Bekannte Lehrer dieser Schule waren u.a. Friedrich Spee, der den Hexenwahn bekämpfte, Georg Simon Ohm, der den elektrischen Widerstand in eine Formel fasste – sein uraltes Sofa stand im Elternsprechzimmer des DKG – und Peter Wust, der bekannte Philosoph, dessen Buch „Ungewissheit und Wagnis“ mich in meinem Denken beeinflusst hat.

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Bekannte Schüler waren Schall von Bell, der als Jesuit und Missionar im China der Kaiserzeit sogar Mandarin wurde, der Arzt Friedrich Joseph Haass, der sich im 19. Jahrhundert in Moskau um die Strafgefangenen kümmerte. Er glaubte, dass alle Menschen von Natur aus gut seien und dass sogenannte Verbrecher in Wirklichkeit Kranke seien, die man aus humanen Gründen heilen müsse. Lew Kopelew hat ein Buch über ihn geschrieben. Auch der Revolutionär Karl Schurz und der Gesellenvater Adolf Kolping waren Schüler des Dreikönigsgymnasiums.

Mehr Kontakt als zu den anderen Lehrern des DKG hatte ich in meinem Leben zu zwei Lehrern, zu Professor Dr. Bernhard Lakebrink und zu Prälat Dr. Peter Sistig.

Dr. Bernhard Lakebrink (1904 – 1991) unterrichtete uns in Geschichte und lehrte Philosophie an der Kölner Universität, wo ich als Primaner an Vorlesungen von ihm als „Schwarzhörer“ teilnahm.(Damals mussten Studenten noch für jede Vorlesung Hörgebühren bezahlen.) Später war er als Professor Ordinarius für Philosophie an der Universität in Freiburg. Durch ihn lernte ich die Philosophen Thomas von Aquin, Meister Eckhart und Hegel kennen. Vor allem hat mich Lakebrinks Lehre von der Analektik beeinflusst, die er der Hegelschen Dialektik entgegenstellte.

Es mag jetzt in diesem Zusammenhang komisch klingen, wenn ich an Lakebrink denke, fallen mir immer wieder drei Einzelheiten ein: Wenn er den Klassenraum betrat, begrüßte er uns in der Regel mit dem Ausdruck „Legt Euch hin, Ihr Rübenschweine“. Aus seinem Unterricht über den römischen Kaiser Caligula ist mir folgende Formulierung haften geblieben: „…und dann schaffte sich der Caligula so eine Art SS an, wie es sie zur Zeit Adolf des Geleimten auch gab.“ (Hier muss erwähnt werden, dass Lakebrink 1934 führend an der Kritik von Alfred Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“ tätig war. Rosenberg war einer der wichtigsten Ideologen des Nationalsozialismus.)

Viel zitiert habe ich in meinem Leben schon Lakebrinks Satz aus einer seiner Unterrichtsstunden: „Meine Herren, merken Sie sich eins, in Köln hört das Abendland auf und in Deutz fängt Asien an. Und dann gibt es noch eine ganz kleine Exklave Abendland in Paderborn.“ Hier muss man wissen, das Lakebrink aus Paderborn stammte.

Dr. Peter Sistig (1915 – 2005) ist der einzige Lehrer, mit dem ich mich nach der Schulzeit geduzt habe. Peter war stark sehbehindert und trug deshalb eine Brille mit sehr dicken Gläsern, so das seine Augen seltsam riesig erschienen. Er sprach ein Hochdeutsch mit starker kölscher Intonation. In der Unterstufe fanden einige von uns ihn deshalb etwas komisch.Sein Religionsunterricht jedoch war sachlich und methodisch ausgezeichnet. Er hatte Philosophie, Theologie und Musik studiert, unterrichtete auch Geschichte und Latein und spielte sehr gut Orgel. Für die Kirchenprovinz Köln war er lange als Offizial für die Nichtigkeitserklärung von Ehen zuständig. In dieser Funktion ließ er Barmherzigkeit bis zur äußerst möglichen Grenze wirken, wie mir von einem betroffenen Freund erzählt worden ist. Später war er zuständig für die Haushälterinnen der katholischen Priester in Deutschland, um deren soziale Belange er sich intensiv kümmerte.

Dabei ging er seinen geistlichen Kollegen auch persönlich als Vorbild voran. Als seine Haushälterin unheilbar an Krebs erkrankte, schob er sie nicht in ein Pflegeheim ab, sondern pflegte sie in seinem Haus in Köln – Weidenpesch selbst. Diese Pflege zog sich über viele Monate hin. Kardinal Meisner besuchte Peter in seinem Haus und teilte ihm dabei mit, dass er dem Gerede der Leute ein Ende bereiten müsse und seine Haushälterin in ein Pflegeheim geben solle. Wörtlich sagte Peter mir dazu: „Josef, da habe ich dem Kardinal gesagt: ‚Ich hab mit dieser Frau über 35 Jahre in einem Haushalt zusammen gelebt, und wir haben uns immer auch seelisch umeinander gekümmert. Ich kann diese Frau doch wegen dem Gerede nicht einfach wie eine Sache abschieben. Wir dürfen doch nicht Nächstenliebe nur predigen.‘ “ Peter hat sich dann durchgesetzt und hat sie dann bis zu ihrem Tode gepflegt. In ihrem letzten Jahr konnte sie schon nichts mehr sehen, erkannte aber mit ihren Händen den obligatorischen Feldblumenstrauß meiner Frau, die mir diesen bei meinen jährlichen Besuchen immer für sie mitgab.

Im räumlichen Mittelpunkt seines Hauses stand eine größere Pfeifenorgel, so dass es schien, als sei das Haus um diese herum gebaut worden. Schränke mit Büchern und Schränke mit selbst erstellten Dias bestimmten sein Arbeitszimmer. Dessen Boden war manchmal angefüllt mit Stapeln von Akten, Notizzetteln, Büchern und Noten. Typisch für Peter war dazu seine Bemerkung: „ Ich muss ja oft verreisen, und da lass ich das dann alles so liegen schon aus Sicherheitsgründen, denn der Herrgott kann mich doch unmöglich verunglücken lassen, wenn es bei mir im Arbeitszimmer so aussieht.“

Die Themen unserer Gespräche handelten in der Regel von Fragen der modernen Theologie und dabei zeigte sich, dass er stets über die neuesten Diskussionen informiert war.

Aber auch sein Hobby, die kölsche Sprache, stand oft im Mittelpunkt unserer Unterredungen: „Josef, das kann man doch nicht machen; da übersetzt dat Ria Wordel eine Stelle im Evangelium mit den Worten: ‚ De Hellige Drei Künninge maaten sich op de Söck, för dat Kind zo söke.‘ Das zieht doch die Dreikönige zu sehr ins Gewöhnliche. Ich habe das in meiner meiner kölschen Evangeliumübersetzung übersetzt mit den Worten: ‚ Se maaten sich op der Wäch.‘ Man sagt das mit dem Op-de-Söck zwar sonst, aber doch nicht hier!“

Peter Sistig hielt Gottesdienste in Kölsch, verfasste ein „ Jebett-un Jesangboch en kölscher Sproch“ und eine Evangeliumübersetzung mit dem Titel „Jesus sprich zo uns – E kölsch Evangelium“. Manchmal höre ich heute noch in der Erinnerung sein Hochdeutsch mit kölscher Intonation.

In seinem Testament hat Peter Sistig sein Haus und seine Geldanlagen in eine Stiftung eingebracht, die förderungswürdigen Schülern und Studierenden finanzielle Zuschüsse gewähren soll.

Abschließend sei hier noch Professor Hermann Schmitz genannt, der uns eine kurze Zeit im Fach Geschichte unterrichtete und den wir wegen seines Humors sehr schätzten. Da er einen haarlosen und besonders runden Kopf hatte, nannten wir Schüler ihn „Dat Kümpchen“. ( Kump = Schüssel)

Eine Mutter, die einen Gesprächstermin bei ihm hatte, kam zum Lehrerzimmer und bat einen Kollegen, Herrn Dr. Kümpchen Bescheid zu sagen, dass sie da sei. Professor Hermann Schmitz kam heraus und führte sie zum Elternsprechzimmer. Nach ungefähr 10 Minuten kam er lachend ins Lehrerzimmer zurück. Was war passiert? Die Mutter hatte ihn im Gespräch mehrmals mit „Herr Dr. Kümpchen“ angeredet, und er hatte sie nicht über seinen richtigen Namen aufgeklärt. Er selbst hatte einen Heidenspaß an diesem Vorfall und hat vielen davon erzählt.

Bravo, Herr Dr. Kümpchen!

 

MAKING OF ZU „PRÄGENDE VORBILDER“

Schall von Bell (1592-1666)

Als ich mir am 1.Mai die ersten Notizen zu dem Artikel „Prägende Vorbilder“ machte und dabei den Schüler Schall von Bell als Vorbild anführte, erwähnte der Autor des Kölner Straßennamen-Lexikons, Rüdiger Scheunemann-Steffen,  am selben Tag den Namengeber der Lindenthaler Schallstraße aus Anlass von dessen Geburtstag.

Ich ergänzte die Angaben als Antwort. Scheunemann-Steffen erwiderte, dass man mehr ja in seinem Lexikon erfahren könne. Die weitere Diskussion, die dann auf facebook zwischen ihm und mir fortgesetzt wurde, gibt die folgende Kopie wieder:

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ESU WOR E (So war er.)

Einer meiner Banknachbarn auf dem Dreikönigsgymnasium war mein Freund Otto.

In späterer Zeit besuchten wir uns in der Regel einmal jährlich. Im Juli 2006 rief Otto mich an und sagte mir, seine Ärzte hätten ihm mitgeteilt, er werde nur noch wenige Wochen leben. Wenn ich ihn noch einmal sehen wolle, müsse ich mich beeilen.

Am Tag nach dem Anruf bin ich sofort zu ihm gefahren, und wir haben ungefähr zwei Stunden lang über Leben, Tod, Gott und die Welt und über den Sinn unseres Lebens miteinander gesprochen. Ende Juli bin ich noch einmal die Stunde Wegs zu ihm in die Eifel gefahren. Da war er schon sehr abgemagert und hatte ein gelbliches Gesicht.

Besonders weh tat mir bei diesem letzten Gespräch Ottos Satz: „Im Oktober wäre ich 73 Jahre alt geworden.“ Er sprach also von seinem zukünftigen Leben im Irrealis der Vergangenheit.

Kurz danach erhielt ich folgenden Brief von ihm:

 

AbschiedsbriefTeil7

Am 15. August ist Otto dann gestorben.

Zum Abschiedsgottesdienst fuhren meine Frau und ich dann in die Eifel nach Reetz. Wie in manchem Eifeldorf üblich stand der offene Sarg mit dem Leichnam vor dem Haus der Familie des Verstorbenen. Da ich mich in der Messfeier irgendwie aktiv beteiligen wollte, fragte ich Albert, einen der Brüder Ottos, wer die Zeremonie leite. Der Bruder wies auf den Pfarrer hin, der nach altem Ritual, bekleidet mit Birett und Rochett und begleitet von Messdienern und dem Küster, den Leichnam mit Weihwasser und Weihrauch segnete. Den konnte ich also nicht fragen. Und dann wurde der Sarg verschlossen und der Leichenzug bewegte sich zur Kirche.

Wir wollten uns als Außenstehende nicht aufdrängen und ordneten uns am Schluss der Prozession ein. Als wir an der Kirche ankamen, stand eine Menschentraube von ca. 50 Personen vor dem Eingang, da der Raum wohl schon gefüllt war. Ich drängte mich durch die Menge in die Kirche hinein und fand vorne noch einen freien Platz in einer Bank. Eine Frau daneben flüsterte mir zu: „Diesen Platz habe ich für meinen Mann freigehalten. Aber setzen sie sich ruhig hin. Wenn er kommt, können sie ja immer noch aufstehen.“ Dann begann die Messfeier.

Nach der Verkündigung des Evangeliums setzten sich der Pfarrer und die Messdiener auf die Sedilen im Chorraum und Ruhe kehrte ein. – Lange blieb es ruhig. – Einige Menschen, die die Ruhe nicht aushalten konnten, begannen bereits zu husten. – Es geschah weiter nichts. – Da drehte sich Albert mit suchendem Blick um, sah mich und nickte mir zu. Auch der Pfarrer blickte zu mir hin und nickte mir zu. Alle schauten schließlich zu mir hin.

Da hatten Albert und der Pfarrer wohl gedacht, ich wollte die Predigt halten. – Vorne lag mein Freund Otto in seinem Sarg. Sollte ich nun nach vorne gehen und sagen, da handle es sich wohl um ein Missverständnis? Was hätte mein Freund in solcher Situation gemacht? – Er wäre zum Ambo gegangen und hätte gepredigt!

Und so ging auch ich dann nach vorne zum Ambo und erzählte der Gemeinde spontan ca. 10 Minuten lang, weshalb ich Gott dafür danke, dass mein Freund Otto gelebt hat.

Als ich zu meinem Platz zurückkam, fasste mich die Banknachbarin an meinem Unterarm und sagte laut in die Kirche hinein: „Esu wor e!“

 

ABITUR VOR 60 JAHREN

Meine alte Schule, das Dreikönigsgymnasium in Köln, ist hervorgegangen aus der 1450 gegründeten privaten Bursa Cucana, die 1552 von der Stadt Köln übernommen wurde. An dem Schulgebäude war das Wappen der Stadt Köln mit seinen drei Kronen angebracht und danach wurde die Schule Bursa Tricoronatum genannt. Seit 1911 befand sich dieses Gymnasium am Thürmchenswall in der nördlichen Altstadt. Im Krieg wurde das Gebäude zum Teil durch Bomben zerstört.

So kam ich als Sextaner1947 in ein notdürftig wieder hergerichtetes Schulgebäude. In unserem Klassenraum tropfte bei Regen das Wasser von der Decke, da das Dach zum Teil noch undicht war. Deshalb standen unsere viersitzigen Schulbänke auf alten Ziegelsteinen, damit unsere Füße nicht allzu feucht wurden. Die Türe unseres Klassenraumes bestand aus sieben Brettern, die durch zwei Querbretter und ein Diagonalbrett zusammengehalten wurden. Statt durch ein Schloss wurde die Tür durch einen Kordelknoten „verschlossen“. Die Fenster waren mit einer Folie, dem so genannten Drahtglas, versehen. Diese Folie wurde bei Wind mit lautem Blobb wechselnd nach innen oder nach außen bewegt.
Da die Heizung oft wegen Koksmangel nicht funktionierte, saßen wir an kalten Tagen oft in Jacken und Mänteln in unseren Bänken. Die Schulaula war noch eine Ruine. In einem der oberen Flure gab es eine Holzbrücke, die über ein Bombenloch im Gebäude führte.
In den Pausen gab es Schulspeisung – Nudelsuppe, Bisquitsuppe, Erbsensuppe oder Kakau im Wechsel. In langen Schlangen standen wir dann mit Blechbüchsen oder Wehrmachts-Kochgeschirren vor den Speisecontainern.

Wenn auch das Gebäude noch sehr schlecht war, so waren unsere Lehrer jedoch fachlich fast alle erstklassig. Die meisten hatten promoviert und manche waren zusätzlich in der Lehrerausbildung tätig oder hielten Vorlesungen an der Kölner Universität. Viele von ihnen nannten wir Schüler nur mit ihrem Spitznamen. Da gab es dat Kümpchen, den Schlauch, die Knoll, den Futz, den Rasputin, den Papa, den Schmitze Grön, den DKW, den Bubi und ähnliche Namen.

Wie gut sie waren, das spiegelt sich auch im späteren Erfolg unserer Klassenkameraden wider. Aus unserer Abiturklasse gingen ein Bundestagsabgeordneter und Kölner Bürgermeister, ein Bundesrichter, drei Professoren, mehrere akademische Räte, Chefärzte, Anwälte, Notare, Geschäftsführer, Studiendirektoren, Diplomingenieure usw. hervor. Ein Klassenkamerad gehörte als Eishockey-Spieler mit zu den Gründern der Kölner Haie.
Der Publizist, Dichter und Theologe Rochus Spiecker, Träger des Ordens wider den tierischen Ernst, erinnerte sich gerne an diese Klasse, die er vor ihrem Abitur eine Woche lang im Kloster Walberberg in Exerzitienform auf ihr späteres Leben vorbereiten sollte. Mit ihm zusammen erarbeitete ich damals abends viele Artikel unserer Bierzeitung.

Im kommenden April will sich die Klasse nun zur 60-Jahr-Feier ihres Abiturs treffen und sich dabei wieder einmal an ihre Lehrer und an die gemeinsam verbrachten Zeiten erinnern. Das wird ein schönes Fest geben.

Gedanken über das Auseinanderfallen der physischen Elemente unseres Körpers

Spontan glauben wir, unsere Haut bilde die Grenze zwischen dem Ich unseres physischen Körpers und der ihn umgebenden Welt. Das ist jedoch nicht so. Unser ganzes Leben lang senden wir physische Signale: Wir graben, bauen, fahren, schreiben, musizieren usw. . Damit geben wir physikalische Informationen an unsere Umwelt.
Darüber hinaus wirken wir auch psychisch, indem wir andere Menschen lieben, abstoßen, belehren und sonstwie beeinflussen. Sowohl unsere physischen wie auch unsere psychischen Signale lösen ihrerseits wieder Folgen aus.
Wenn es nun wahr ist, was die Physiker sagen, dass keine Information in diesem Universum verlorengeht, so bedeutet der Tod unseres Körpers nicht das Ende unserer Existenz. Wir sind danach immer noch wirklich, denn wir wirken fort. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, dass all unser Wirken und damit auch unser Ich als eine Einheit wahrnehmbar bleibt. Nicht für unsere begrenzten sinnlichen Wahrnehmungen, sondern für Wesen einer anderen Art.
Das erinnert an Shakespeares Hamlet, der zu seinem Studienfreund Horatio sagt: “ There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy.“

SPRACHE I

In unserem Bundesland hat die Ministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung die Hochschulen gezwungen, ihr Studentenwerk in Studierendenwerk umzubenennen. Als Grund wurde angegeben, dass Frauen durch das grammatisch männliche Geschlecht des Wortes „Studentenwerk“ benachteiligt würden.
Man könnte dies nun mit Witzchen abtun, die auf ähnlichen genderideologischen Krampf hinweisen. Dann müsste es in den Gemeinden ja auch Einwohnerinnenmeldeämter und im Sport Fußballfrauschaften geben. Die Pfarrer müssten auch vom Christinnentum reden.
Die Forderung der Ministerin ist jedoch so schlimm, dass man das nicht einfach mit Witzchen abtun darf. Aus totalitären Staaten sind ähnliche Versuche, Sprache aus ideologischen Gründen mit Zwang zu verändern, bekannt. Orwell nannte eine solche Sprache „Neusprech“.
Eine Ministerin sollte sich zudem bewusst sein, dass sie die Hochschulen zwingt, sprachlichen Unsinn zu verzapfen, – Studierende sind Menschen, die gerade studieren. Wenn Studentinnen kochen, demonstieren, tanzen, singen oder Kinder gebären, studieren sie nicht. Nun sollen sich aber Studentenwerke gerade um die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Belange der Studentinnen und Studenten kümmern. Der Ausdruck „Studierendenwerk“ ist also nicht treffend.
Wird die Ministerin demnächst auch Professorinnen und Professoren zwingen, sich sprachlich nur noch stammelnd auszudrücken, damit Menschen mit geringerem Sprachschatz sich nicht diskriminiert fühlen?
Mit Freunden werde ich ab jetzt öfter das Spiel „Schulzen“ spielen. Wir schlagen eine Seite des Dudens auf und formen alle Wörter probeweise im Sinne von Frau Schulze um. Das wird heiter werden!